W.: Wie bist Du auf die Idee gekommen, überhaupt nach S. zu gehen?
K.: Ich war 5-6 Jahre heroinabhängig, Anlaß war für mich, ich hatte meiner Freundin 100 DM geklaut und ich hatte so einen Ehrenkodex, ich war verzweifelt, am Ende und mußte also, ich wollte also jeden Strohhalm ergreifen, den man irgendwie packen konnte. Aufgrund dessen bin ich zu S., wollte mir den Laden angucken. Ich hab mich da vorgestellt, (...) und ich wollte nach diesem Gespräch nach Hause fahren, mir die Sache noch einmal überlegen, weil ich hier noch Wohnung zu Hause hatte.
Da hat man mir gesagt, wenn Du nach Hause fährst, brauchst du nie wieder zu kommen, wir nehmen dich dann nicht auf. Also bin ich da geblieben, habe (...) mein Portemonnaie, meinen Tabak, alles abgegeben, gleichzeitig sind meine Eltern informiert, man wollte meinen Haushalt auflösen, ich sollte denen eine Vollmacht über mein Konto geben. Sie wollten alles für mich regeln und so hab' ich dann den Vormittag verbracht. Mittags, ich wollte mit aller Gewalt nach Hause, dann hat man wieder meine Eltern angerufen. Vielmehr hat man mir gesagt, wir haben schon zweimal deine Eltern angerufen und hat auf meine Eltern eingeredet, ich solle dableiben (...). Am zweiten Tag (...), den hab' ich mehr oder weniger im Bett verbracht und ich mein, ich wär am zweiten Tag auch nochmals mehrmals ins Büro gegangen. Am dritten Tag sollte ich, ich sollte am zweiten Tag arbeiten. So war das, am zweiten Tag sollte ich arbeiten, wo ich gerade den Höhepunkt hatte, und meinen Turkey schob, und zwar hab' ich da in einem Keller mit einem Preßlufthammer Beton ausstemmen müssen, es war kein Arzt weit und breit. Ich hab' dementsprechend ausgesehen, einen Kreislaufzusammenbruch gehabt. Ich war dreckig. Ich (...) bin wieder ins Büro gegangen, gesagt, ich möchte nach Hause gehen, ich will hier nicht so leben, wie die Leute hier so leben.
Man hat mir gesagt, man würde mich nicht gehen lassen, daß man die Tür zunageln würde und dann hab' ich gesagt, ich bin nicht entmündigt, ich hab' Rechte wie jeder andere Mensch. Da hat man sich mir in die Tür gestellt. "Wir lassen dich hier nicht gehen." Und dann konnte ich am anderen Tag flüchten und dann hat man mich auch wieder eingefangen und beim zweiten Fluchtversuch bin ich durch den Zaun geklettert, hab' mich auf die Fahrbahn gestellt, die Augen zugemacht, die Hände nach vorn gestreckt, der Lkw mußte anhalten, bin in den Lkw reingesprungen und habe gedacht, ich werde verfolgt, die holen mich wieder ein, zur nächsten Kreuzung gebracht. Ein Mercedes hat mich zum Bahnhof gebracht.
(...)
W.: (In der Zeit deines Aufenthaltes dort, d.V.) hat man irgendetwas in Richtung ärztlicher Betreuung oder ärztlicher Untersuchung veranlaßt? Ist dir mitgeteilt worden, wann du eventuell von einem Arzt untersucht werden würdest?
K.: Also es ist kein Wort von einem Arzt gefallen. Ich weiß auch von anderen Leuten, die haben einen Arzt nie gesehen. Und ich habe einen Fall miterlebt in S., da ist einer gelb angelaufen und man hat dort vermutet, daß er eine Hepatitis hat. Man hat diesen Mann zwei Tage mehr oder weniger auf dem Zimmer gelassen und hat ihn dann zu einem Dorfarzt gefahren. Im Nachinein hat sich herausgestellt, daß er einen Malariaanfall hatte, also es gab keine ärztliche Aufsicht.
(...)
W.: Du bist oder du warst Heroin-Konsument, und auch das Thema muß natürlich besprochen werden. In dem Zusammenhang treten nun mal ganz einfach AIDS-Erkrankungen auf. Ist in Richtung AIDS irgendetwas in S. unternommen worden? Bist Du informiert worden über eventuelle Vorsichtsmaßnahmen, über Verhaltensregeln? Hat man Dir gesagt, es sollte ein AIDS-Test vorgenommen werden?
K.: Man hat mir nichts dergleichen gesagt.
(...)
W.: Du hast gesagt, Du bist dahin gefahren und man hat von dir verlangt, daß Du sofort dableiben sollst. Wer hat denn deine Eltern informiert?
K.: So viel wie ich weiß, wenn ich mich recht erinnern kann, sind meine Eltern informiert worden von S. Ein Tag später sind meine Eltern hingefahren zu dieser Einrichtung, gekommen, um einige Formalitäten zu abzuklären, was Schulden anbelangt. Aber als ich gehen wollte, sind immer wieder meine Eltern angerufen worden. Meinen Eltern ist prophezeit worden, daß ich sterben müßte, wenn ich diesen Verein verlassen würde.
W.: Ist auch gesagt worden, warum Du sterben mußt? Ist vielleicht gesagt worden, Du wärst körperlich schwer, schlecht zurecht?
K.: Nein, man hat gesagt, ich müßte sterben, weil ich heroinabhängig wäre und es würde nur einen Weg geben, um wieder gesund zu werden und das wäre S.. Es würde sonst keine anderen Möglichkeiten geben, die Zahlen würden dafür sprechen.
(...)
W.: Du wolltest eben noch einen Fall schildern, der dir bekannt geworden ist.
K.: Und zwar hat mich berührt, als ein türkisches Mädchen in S. aufgenommen worden ist. Dieses türkische Mädchen (...), es war eine Moslemin, und sie hatte Schwierigkeiten mit dem Christentum und die Eltern, die waren auch Moslems, und dieses Mädchen sollte aufgrund dessen, weil die Eltern Moslems sind, den Kontakt unterbrechen. Also, da war absolute Kontaktsperre angesagt. Und aufrgund dessen ist das Mädchen nach meines Wissens abgehauen.
W.: Könntest du, obwohl du nur kurze Zeit da warst, vielleicht mal einen typischen Tagesablauf in S. schildern.
K.: Um sechs wird man geweckt, dann wird vor dem Frühstück gebetet, dann geht man wieder aufs Zimmer, um mit seinem Zimmernachbarn einen Text aus der Bibel durchzuarbeiten. Diese Zeit nennt man Stille Stunde. Der Text aus der Bibel wird vorgelesen, er wird durchgesprochen, er wird ausgewertet. Allerdings sind das Leute, die schon seit Jahren da sind, die besprechen mit, die legen diesen Text auch aus, und danach treffen sich alle Leute. Da wird die Arbeit eingeteilt, danach wird nochmal gebetet, nach der getanen Arbeit wird Mittag gegessen, danach wird wieder gebetet, danach wird wieder gearbeitet, danach wieder gebetet und dann sieht es abends so aus, es ist immer volles Programm, einmal in der Woche ist Sport, dann gibt es Bibelstunden, dann hat S. einen Chor, der jetzt mittlerweile eine CD herausgebracht hat und Schallplatten. Also es sind immer irgendwelche Aktivitäten da.
(...)
W.: Gerade für einen Suchtkranken, egal was er er genommen hat, der jetzt frisch aufhört, bei dem kommt ja eine Menge hoch. (...) Hättest du die Möglichkeit gehabt, dich mit irgend jemandem mal in eine stille Ecke zu setzen, und da einfach über deine Probleme zu reden?
K.: Die Möglichkeit hatte ich, weil ich wurde rund um die Uhr bewacht, man ging sogar mit zur Toilette. Man saß die ganze Nacht vor meinem Bett, also ich hätte diese Möglichkeit gehabt, aber letztendlich wäre es immer darauf hinausgelaufen, wir hätten im Anschluß danach gebetet. [(...) Aber] das ist keine therapeutisch ausgebildete Kraft, das ist auch ein Ex-User, oder halt ein Ex-Knacki, der halt schon ein paar Jahre da lebt.