In den Siebziger Jahren bildete sich in unserer bis dahin ganz 'normalen' Gemeinde eine charismatische Gruppe, angeführt von einem der beiden Pfarrerehepaare, Herrn und Frau H., und von außen tatkräftig unterstützt durch 'Jugend mit einer Mission', dem 'Marburger Kreis', der 'charismatischer Gemeindeerneuerung', 'Projektion J', der Vereinigung der 'Geschäftsleute des vollen Evangeliums' und anderen Organisationen.
Die ersten Wahrnehmungen waren durchaus positiv: Lebendigkeit, Sprachfähigkeit, unmittelbare Hineinnahme des Glaubens in das Alltagsleben und die tiefe Gläubigkeit beeindruckten uns und ließen uns in der Gemeinde in ganz neuer Weise aufeinander zugehen. Es bildeten sich Bibel- und Hauskreise, nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Jugendliche.
Besonders die Jugendkreise entwickelten eine große Anziehungskraft, nicht zuletzt aufgrund missionarischer Aktivitäten in den Schulen, auf Straßen und Plätzen, aber auch durch echtes 'Für-einander-da-sein' und durch regelmäßige, häufige Treffen und attraktive Ferien-Unternehmungen. Modern war auch die Musik und viele neue Lieder, mit denen sie unsere Gottesdienste bereicherten.
Veränderungen im Gemeindeleben
Die Freude über diese Entwicklung wurde erstmals getrübt, als bekannt wurde, daß es für die Aufnahme in diese Bibelkreise bestimmte Vorbedingungen gab: Man mußte 'wiedergeboren' sein bzw. sein 'Leben Jesus übergeben'. Letzteres erschien mir unverständlich bei Jugendlichen, die gerade konfirmiert waren; auf meine mehrfache Frage, wie man denn wiedergeboren wird, erhielt ich immer nur die Antwort, daß ich das schon merken würde, und daß ich eben 'noch nicht so weit bin', wenn ich es nicht merke. Von vielen Gemeindemitgliedern wurde diese Praxis nicht verstanden; auch ich empfand die Forderung nach 'Lebensübergabe' als eine Nichtanerkennung der Konfirmation. In der Unterscheidung zwischen wiedergeborenen und nicht-wiedergeborenen Gemeindemitgliedern sah ich eine gefährliche Tendenz zur Zweiklassengemeinde. Weiter erfuhren wir, daß die Bibel- und Gebetskreise von Pfarrer H. streng hierarchisch aufgebaut waren. Grundlage hierfür war die Reihenfolge der Charismen, beginnend mit verbindlichem Besuch des Kreises, über freies Gebet, Sprachengebet, Seelsorge und Leitung bis hin zur Prophetie.
Die Hoffnung auf einen innergemeindlichen Dialog über die verschiedenen Möglichkeiten von Gemeindeverständnis erfüllte sich leider nicht. Statt dessen begann eine allmähliche Verwirrung der Gemeindemitglieder, auch im Zusammenhang mit den vielen verschiedenen Gruppierungen, die immer stärker in unsere Gemeinde hineinwirkten. Die Tendenz zur Spaltung der Gemeinde in wiedergeborene und andere, in 'verbindlich' lebende und andere Christen, die Deutung der Geistesgaben als übernatürlich, - das Vorhandensein dieser Fehlentwicklung wurde vom zweiten Pfarrer der Gemeinde, Herrn L., zwar nicht geleugnet, seine Konfliktbewältigung bestand jedoch in der Empfehlung, einander anzunehmen, aufeinander zu hören, und voneinander zu lernen. Er respektiere seinen Amtsbruder und wolle in gedeihlicher Weise mit ihm zusammenarbeiten.
So richtig und wichtig diese Empfehlung ist, so wenig berührte sie jedoch das eigentliche Problem, nämlich die Verunsicherung der Mehrzahl von Gemeindemitgliedern, die Leitung und Stärkung in geistlich-theologischen Fragen gegenüber den manchmal aggressiven Erscheinungsformen der kleinen charismatisch-fundamentalistischen Minderheit erwarteten.
Die am Anfang von uns so freudig begrüßte Fähigkeit, in Offenheit über den eigenen Glauben zu sprechen, verwandelte sich in immer größere Sprachlosigkeit.
Mehr als durch unüberschaubare Einflüsse von außen war die Gemeinde aber von innerer Spaltung bedroht. Gerade in dieser von Verwirrung geprägten Phase hätte die Gemeindeherde der weiterführenden Weisungen eines mit dem Hirtenamt Beauftragten bedurft.
Glaubensfragen
Die Anhänger der charismatischen Richtung konnten und wollten es nicht akzeptieren, daß ein Bibelwort unterschiedliche Auslegungsmöglichkeiten bieten kann. Für sie konnte es nur eine Auslegung geben, und für diese war der 'Leiter' bzw. der in der Hierarchie Ranghöhere zuständig. Unverständnis löste bei einigen charismatischen Gemeindemitgliedern die Feststellung aus, daß verschiedene Kreise, die doch alle in derselben Bibel lesen, zu unterschiedlichen Erkenntnissen kommen, z.B. in der Frage der Vorbedingungen für das ewige Leben. Die Tendenz zum Dogmatismus wurde sichtbar.
Pfarrer H. redete von Gott wie von einem Menschen, wie von einem unberechenbaren, auf seine Allmacht pochenden, dann aber wieder vor Liebe überfließenden, absoluten Herrscher, der sich aber von Gebeten stark beeinflussen läßt. Gottes Größe und Verheißungen wurden in irdischen Relationen gedacht, und die Konfirmanden wurden gewarnt, nichts Verbotenes zu tun; denn "Gott kann auch durch verschlossene Türen sehen".
Ebenso hatte er ein mir neues Verständnis des Teufels als den immer gegenwärtigen "Leibhaftigen", der mit Hilfe seiner bösen Geister ständig das Heilswerk Gottes stört und ihm das Terrain streitig macht.
Magisches Denken offenbarte sich in der fast Beschwörungsähnlichen, häufigen Anrufung des Namens Jesu Christi und im sogenannten 'Freibeten' von Räumen, die vorher von Nicht-Wiedergeborenen benutzt worden waren. Die Gewißheit Seines Sieges konnte aber die Angst vor dem Bösen nicht überwältigen.
Pfarrer L. gab zu alledem den Rat: "Diskussionen vermeiden. Die beste Kritik des Falschen ist das Tun des Richtigen." Was aber ist richtiges Tun, z.B. bei der Streitfrage über die Art der Realität von Teufel und Dämonen? Es hätte darin bestehen können, ein offenes Gespräch über derartige, sogenannte "versteckte Streitfragen" zu führen. Statt dessen: Keine Diskussion - und die Fragen blieben in ihrem Versteck und unterhöhlten die Grundlage für gedeihliche Zusammenarbeit!
Jugendkreise
Es waren hauptsächlich die hierarchischen Strukturen und ein Klima von Angst (vor dem Teufel), die bewirkten, daß Konfirmanden aus den Gruppen von Pfarrer H. unter psychischem Druck der Lebensübergabe zustimmten und in den sogenannten 'verbindlichen' Kreis aufgenommen wurden. Eltern solcher Jugendlichen mußten damals erfahren, daß ihre Kinder ihnen mit dem Heiligen Geist nur so über den Mund fuhren; Seelsorger oder Leiter beanspruchten die Befolgung ihrer Weisungen, da die Eltern ungläubig und nicht wiedergeboren seien. Nur wenn sie sich fest an den Kreis, an die Seelsorger und ans Gebet hielten, könnten sie vom Heiligen Geist geleitet und gerettet werden. Ein Verlassen des Kreises wurde als Entscheidung gegen Jesus interpretiert und Jugendliche dadurch in schwere Konflikte gebracht.
Die hierarchische Struktur und die Exklusivität der charismatischen Kreise, in die auch 'Jugend mit einer Mission' ganz stark hineinwirkte, hatten zur Folge, daß Vorbehalte oder gar Zweifel von Mitgliedern nicht nach außen drangen. Sie wurden ja auch im Kreis selber nicht behandelt; die Jugendlichen standen unter starkem Druck der Gruppe. Vorbehalte (z.B. in bezug auf die Beicht- und Seelsorgepraxis) sind von jungen Menschen unter einem solchen Druck schwer zu formulieren, und wenn es doch geschieht, sieht die Gruppe darin einen Angriff des Teufels; sie betet intensiv für die Rettung des zweifelnden Menschen und wendet sich ihm verstärkt zu - mit Liebe und mit Druck. Es folgt, was in einer solchen Situation natürlich ist: Anpassung, das erhebende Gefühl, dem Teufel widerstanden zu haben, ein stärkendes Wir-Gefühl und die Aussicht, in der Hierarchie bald aufsteigen zu dürfen.
So wirkten die charismatischen Jugendkreise nach außen hin als besonders freudig (jemand bezeichnete sie einmal als Chappi-Christen) und zusammenhaltend, was sie sehr attraktiv machte. Wollten jedoch Jugendliche aus anderen Konfirmandengruppen in den Kreis eintreten, dann wurden vor ihnen die beschriebenen Hürden (Lebensübergabe, Verbindlichkeit, Probezeit usw.) errichtet. Zögerte der oder die Jugendliche, so kam mit herablassendem, wissendem Lächeln der Satz "Du bist eben noch nicht so weit!"
Gottesdienst
Ziel der charismatischen Gruppe war es u.a., den Sonntagsgottesdienst immer mehr der Form eines charismatischen Lobpreisgottesdienstes anzupassen, d.h. mit viel Gesang und Musik, die emotional 'anturnt', mit Zeugnissen von Gebetserhörungen, mit freiem und Sprachengebet, vielleicht auch einer kurzen fundamentalistischen Bibelauslegung, mit Heilungen, der Aufforderung zu persönlicher Lebensübergabe und zu seelsorgerlichem Gespräch.
Ich selbst habe mehrmals den Lobpreisgottesdienst, der zu dieser Zeit immer in unserer Kirche stattfand, besucht und war anfangs beeindruckt. Die modernen Lieder mit der elektronisch verstärkten Musik gefielen mir nicht alle, - aber nun ja, das geht mir mit manchen alten Kirchenliedern ebenso. Es gibt aber auch einige sehr schöne, ruhige Lieder im Lobpreisgottesdienst, und ich habe es erlebt, daß nach Beendigung eines Liedes die Gemeinde weitersang. Jeder sang seine eigene Melodie, andächtig, betend, meditierend, ganz hingegeben dieser Erfahrung einer neuen Ausdrucksmöglichkeit. Der Raum schien erfüllt von Sphärenklängen, der Fußboden schien zu beben, - oder bebte ich selber, ergriffen an Körper, Geist und Seele?
Der weitere Verlauf des Gottesdienstes beendete allerdings rasch meine Ergriffenheit: Zeugnisse des übernatürlichen Wirkens des Heiligen Geistes schienen mir eher ganz normale Lebenserfahrungen zu sein (für die wir natürlich auch dankbar sein sollten); eine fundamentalistische Bibelarbeit, die aus der befreienden Frohbotschaft eine Drohbotschaft machte; Gebete um Heilung, in denen Psychotherapie und -therapeuten in einem Atemzug mit Okkultismus verteufelt werden. Die Ablehnung psychologischer Erkenntnisse wurde peinlich offenbar in der hemmungslosen und von keiner Spur von Selbstkritik getrübten Pose der Selbstdarstellung mancher Leiter im Gottesdienst.
Diese Ignorierung psychischer Gegebenheiten führte auch dazu, daß immer häufiger Jugendliche unter 18 Jahren zu Gebets- und Seelsorgehelfern eingesetzt wurden, was zwar deren Selbstbewußtsein stärkte, sie aber doch in unverantwortlicher Weise überforderte. Mir schien der Lobpreisgottesdienst ein Sammelbecken zu sein für psychisch labile, vorwiegend junge Menschen, die dort eine altersbedingte Gefühlsseligkeit, verbrämt mit der Bezeichnung Heiliger Geist, ausleben konnten. Ich bin mir sicher, daß der Heilige Geist auch hier in einer solchen Situation wirken kann. Geistliche Irreführung ist aber die Behauptung, daß er nur auf diese Weise, durch diese Form des Gottesdienstes sozusagen herbeizitiert werden kann, und das mit Sicherheit!
Unsere sonntäglichen Gottesdienste in hergebrachter Form wurden als tot bezeichnet, die Liturgie als sinnentleert und die Gemeinde als eine absterbende angesehen. Fast an jedem Wochenende reisten ganze Gruppen charismatischer Gemeindemitglieder im Rahmen eines "frommen Tourismus" zu irgendwelchen Großveranstaltungen (Rüstzeit, Aufbautagung, Seelsorgeseminare mit Hunderten von Teilnehmern, auch Evangelisationsveranstaltungen mit John Wimber, Demagogen wie Reinhard Bonnke u.a.!). Spektakulär mußte es zugehen! Anzeichen eines gewissen Suchtverhaltens (?). Auf diakonisches Engagement innerhalb der Gemeinde (z.B. beim Besuchsdienst) warteten wir vergebens.
Eine Gemeindefreizeit, an der Menschen aus beiden Gruppen der Gemeinde teilnahmen, brachte zunächst eine kaum für möglich gehaltene Annäherung, dann aber doch wieder deutliche Abgrenzungserscheinungen.
Pfarrer L., getreu seinem Prinzip "keine Diskussionen", formulierte im Anschluß an die Freizeit:
"Keine Spaltung ist es, wenn einzelne Kreise die Gemeinschaft des Glaubens stärker verwirklichen als andere". Diesen Satz bezogen die charismatischen Gemeindemitglieder sofort auf sich, und er war wohl auch so gemeint. Meine Frage dazu lautet: Was ist mit diesem 'stärker verwirklichen' gemeint? Hat es eine qualitative Dimension, und wenn ja, gibt es eine solche überhaupt im Glauben?
Beichte
Durch die charismatischen Christen kam die große Bedeutung der Beichte wieder in das Bewußtsein aller Gemeindemitglieder. Dies ist sicher positiv zu bewerten, wenn man bedenkt, daß evangelische Christen häufig die Beichte für eine ausschließlich katholische Einrichtung halten. Jedoch hat Luther lediglich die erzwungene Beichte für sinnlos erachtet.
Genau in diese Richtung führte nun aber die sogenannte Verbindlichkeit unserer charismatischen Gemeindemitglieder: Sie bestand u.a. auch darin, mindestens einmal in der Woche ein Beichtgespräch mit dem oder der Seelsorger/in zu haben und deren Weisungen strikt zu befolgen. Auch hierbei kam es vor allem wieder für Jugendliche und deren Familien zu Konflikten, wenn nämlich die Weisungen des Seelsorgers mit denen der Eltern nicht übereinstimmten; in den Augen der charismatischen Seelsorger waren die meisten Eltern nicht wiedergeboren, und die Kinder mußten vor ihnen wie vor dem Teufel beschützt werden.
Aber auch bei Erwachsenen, die sich selber der Beichte wieder annähern wollten, tauchten zweifelnde Fragen auf. Ein Gemeindemitglied schildert es so:
"Ich wurde durch die Aufforderung, im Beichtgespräch zu sagen 'Ich vergebe', in eine gewisse Glaubensnot gebracht. Bis dahin war ich immer der Meinung, daß ich auch selbst an den Problemen, die ich mit dem Anderen habe, arbeiten muß, um dann endlich mit Herz und Verstand vergeben zu können.
Nun aber wurde mir gesagt, wir könnten selbst gar nichts tun, alles macht der Heilige Geist, der die Vergebung in uns bewirkt. Deswegen muß ich nur sagen 'Ich vergebe', - dann wird es geschehen. Ich spürte aber, daß ich - obwohl ich es im Beicht-gespräch so gesagt hatte - nicht vergeben konnte. Nun wuchsen in mir Zweifel, ob denn das, was ich als Glauben in mir zu spüren meinte, wirklich der richtige Glaube ist. Unter dem ständigen Druck der charismatisch ausgerichteten Gemeindemitglieder, die ganz bestimmte Verhaltensformen auch im Gottesdienst, als Voraussetzung und Ausdruck des 'Wiedergeborenseins' bezeichnen, wuchsen meine Glaubenszweifel. Erst allmählich wurde mir klar, daß es mehrere Ausdrucksformen des Glaubens geben kann und darf und muß.
Für mich bedeutet, ein Problem nicht bearbeiten, seine Existenz zu leugnen; es läßt mich dann nicht in Ruhe, bis ich es auch wirklich mit meinem Verstand bearbeitet habe, und dann kann ich auch eines Tages aus vollem Herzen sagen 'ich vergebe'. Und ich denke, daß der Heilige Geist auf diese Weise in mir wirkt, daß mich eben eine Sache nicht in Ruhe läßt, bis ich mich intensiv damit beschäftige. Ich sehe heute, daß ich in dieser ganzen traurigen Geschichte den Heiligen Geist behindert habe, und zwar durch Leugnen und Verdrängen - nur weil ich schon ganz am Anfang sagen sollte 'ich vergebe', wo ich es doch noch gar nicht konnte!"
Im Rahmen der gegebenen Hierarchie konnte nach charismatischem Verständnis jedes wiedergeborenene Gemeindemitglied SeelsorgerIn werden, die Beichte hören und Vergebung sprechen. So schön diese Vorstellung vom allgemeinen Priestertum, aller Gläubigen ist, so haben die Ereignisse in der Gemeinde doch gezeigt, daß viele Menschen damit einfach überfordert sind. Moralisierende Maßstäbe können echte menschliche Konflikte nicht lösen, und die Angst vor dem Teufel läßt es dann als geboten erscheinen, das Beichtgeheimnis außeracht zu lassen.
In einem Vortrag über die Beichte sagte Pfarrer L.:
"Wenn Gott jemanden so führt, daß er erkennt, ich sollte beichten, dann zeigt er ihm auch den für ihn richtigen Seelsorger. Ich glaube, daß nur jemand, der nicht wirklich beichten will, - daß jemand aus formalen Gründen das vielleicht tun möchte, daß er entscheidende Dinge aber nicht bekennen will, daß da die Gefahr besteht, daß er an nicht legitimierte Seelsorger geraten könnte."
Nach dieser Aussage hängt die Legitimität des oder der SeelsorgerIn also einzig vom ehrlichen Willen des oder der Beichtenden ab; nur auf den nicht ganz ehrlichen Beichtwunsch übt der nicht legitimierte Seelsorger demnach eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus! Sollte denn das Beichtgeheimnis nicht für alle zur Sprache kommenden Dinge gelten, also auch für die nicht unbedingt entscheidenden? Und kann es nicht sein, daß dem Seelsorger eine Angelegenheit unwichtig erscheint, während sie für den Beichtenden von elementarer Bedeutung ist? Diese Aussage über das Gelingen eines Beichtgespräches, über den (beinahe magischen) Zusammenhang zwischen der Ehrlichkeit des Beichtenden und der Legitimation des Seelsorgers konnte doch also nur dazu dienen, die Verantwortung für die Einhaltung der Schweigepflicht vom Seelsorger weg auf den Beichtenden zu verlagern!
In einem schwerwiegenden Fall einer Verletzung des Beichtgeheimnisses lehnte Pfarrer L. es denn auch ab, der betreffenden Person den Seelsorgeauftrag zu entziehen, und zwar mit der Begründung, er habe ihr diesen Auftrag nicht erteilt, also könne er ihn auch nicht entziehen. Die Betroffenen mußten diese Antwort als verletztenden, zynischen Pragmatismus empfinden.
Letztlich stellte sich einmal mehr die entscheidende Frage: Wozu braucht eine Gemeinde eigentlich einen Hirten mit Weisungs- und Leitungsfunktion, wenn dieser dann doch nicht den Weg weist, sondern seine Schäfchen unter Berufung auf den Heiligen Geist sich selber und ihrer Verunsicherung überläßt? Das Bestreben einer gedeihlichen Zusammenarbeit mit seinem charismatisch-fundamentalistischen Amtsbruder verstellte Pfarrer L. immer mehr den Blick für diese Verunsicherung in der Gemeinde und das Bedürfnis nach klaren Alternativen im Glaubensleben.
Auf diese Weise konnte es keinen Frieden geben, zumal die Verletzung des Beicht-geheimnisses kein Einzelfall blieb. Alle wußten, daß 'eine Leiche im Keller liegt', wie es einer der Pfarrvikare einmal ausdrückte, aber Gesprächsversuche im Kirchen-vorstand, bei Gemeindeversammlungen und Gemeindefreizeiten wurden unterdrückt. Die Gemeinde schlingerte führungslos dahin, und die Kluft vertiefte sich. Im Gottesdienst und beim anschließenden Tee setzten sich die charismatischen Jugendlichen mit ihren Leitern eng zusammen, so als müßten sie sich abschirmen gegen die 'tote' Gemeinde. Man wagte nicht mehr, sich einfach dazuzusetzen, so deutlich zeigten sie den anderen, daß sie nicht dazugehörten!
Das Ende als Neuanfang
Nach über zehnjähriger charismatisch-fundamentalistischer Einwirkung kam es dann zu einer unerwarteten Wende, als eine größere charismatische Gruppe ihren Austritt nicht nur aus der Gemeinde, sondern aus der Landeskirche erklärte. Es ist nun in unserer Gemeinde etwas entspannter und damit friedlicher geworden: Die verbliebenen charismatischen Gemeindemitglieder lernen, die anderen anzunehmen.
Das ganze Ausmaß unserer menschlichen Unzulänglichkeiten ist in diesen Jahren offenbar geworden: Sie macht vor niemandem Halt, auch nicht vor der christlichen Gemeinde. Gleichzeitig ist aber auch die Erkenntnis gewachsen, wie sehr wir im Hören und Tun des Wortes Gottes aufeinander angewiesen sind.