Uta K.: Herr Nowak, Sie sind Ehemann einer gläubigen Charismatikerin. War Ihre Frau schon immer gläubig oder wie hat dieser Glaube begonnen?
S. Nowak: Im Grunde war meine Frau früher alles andere als gläubig gewesen. Sie war sogar fanatisch gegen die Katholische Kirche eingestellt.
Begonnen hat es damit, daß sie psychische Probleme hatte und Depressionen bekam, als unsere beiden Kinder geboren wurden. Eine Freundin, die solchen freichristlichen Gruppen nahestand, kümmerte sich um sie. Und dann wurde sie zunächst einmal zu einer Veranstaltung des 'Frauen-Frühstückstreffen' mitgenommen. Als sie wieder nach Hause kam, berichtete sie mir von ihren Erfahrungen und begann in der Bibel zu lesen. Ich hatte am Anfang durchaus den Eindruck, daß sich bei ihr vieles besserte und daß es aufwärts ging mit ihr. Deshalb habe ich ihren plötzlichen Glauben, auch wenn er mir absolut nicht zusagte, in Kauf genommen.
Uta K.: Was hat sich positiv geändert?
S. Nowak: Sie wurde ruhiger, sie stritt nicht mehr so viel, und sie wurde einfach ausgeglichener. Dann ging sie jedoch zu den 'Geschäftsleuten des vollen Evangeliums'. Da kam sie eines Tages nach Hause und erzählte mir, daß sie jetzt ihr Leben Jesus Christus übergeben habe. Sie drängte mich immer massiver, mich zu bekehren und gab mir Kassetten, die ich mir unbedingt anhören sollte, die mich aber absolut nicht ansprachen.
Im Laufe der Zeit ist schließlich die anfängliche positive Entwicklung ins genaue Gegenteil umgeschlagen. Unsere Ehestreitigkeiten kreisten dann fast allein um ihren Glauben, besonders im Zusammenhang mit den Kindern und der Erziehung.
Wir sind schlimm aneinander geraten, weil sie hinter mehr und mehr Dingen und Gegenständen den Teufel und den Okkultismus sah.
Sie erklärte beispielweise, daß die Barbiepuppen, mit denen meine Tochter spielte, ein Werkzeug des Bösen seien.
Uta K.: Mit welcher Begründung?
S. Nowak: Weil bei den Barbiepuppen die Geschlechtsmerkmale angedeutet sind, und damit bei den Kindern frühzeitig sündige Fleischeslust erweckt würde. Dann kam es zu einer Büchervernichtungs-Aktion. Mir fiel eines Tages auf, daß in den Kinderzimmern einige Bücher nicht mehr in den Regalen standen. Harmlose Kinderbücher waren verschwunden mit Titeln wie 'Der kleine dicke Ritter', weil in ihm ein Drache vorkommt und der Drache Versinnbildlichung des Bösen sei, oder auch Michael Endes 'Satans archäologischer Wunsch-Punsch', in dem ja schon im Titel das Wort 'Satan' steht und außerdem in diesem Buch Gott ausdrücklich gelästert würde. Im Buch gibt es nämlich einen Raben, der zu seinem persönlichen Rabengott betet. Sechs Bücher habe ich identifiziert, die verschwunden waren.
Deshalb fragte ich meine Frau, ob sie wisse, wo die Bücher seien, was sie aber verneinte - was von ihrem Standpunkt aus keine ganze Lüge war, weil sie sie ja weggeworfen hatte und sie tatsächlich nicht wußte, in welcher Müllverbrennungsanlage sie nun waren. Erst als ich sie direkt fragte 'Hast du die Bücher weggeworfen?', hat sie ihre Handlung zugegeben, da sie ja nicht lügen darf.
Dieses Ereignis war damals für mich eine ganz besonders schwere Enttäuschung, weil ich ihr ein paar Monate zuvor einen Brief geschrieben hatte, in dem ich sie darauf hinwies, daß es unter solchen Umständen nicht mehr weitergehe, wenn sie hinter allem den Teufel vermute. Ich schrieb ihr, daß sie damit unsere Familie zerstöre und bat sie, damit aufzuhören. Ich hatte auf diesen Brief hin einige Wochen den Eindruck, daß sie es sich zu Herzen genommen hatte. Das hatte sie wohl auch, aber auf die Dauer konnte sie sich dann nicht länger beherrschen und es kam zur Büchervernichtung.
Uta K.: Wie haben denn ihre Kinder darauf reagiert?
S. Nowak: Im Moment sind meine Kinder elf und neun Jahre alt. Ich glaube, daß für unsere Kinder zunächst unsere Ehestreitigkeiten auffälliger waren. Mittlerweile bin ich seit einem Jahr ausgezogen und lasse mich gerade scheiden. Inzwischen sind die Kinder älter und reagieren sensibler auf das Glaubensthema. Insbesondere mein älterer Sohn leidet sehr stark darunter. Mit elf interessiert er sich schon für Musik und hat seinen eigenen Geschmack. So hört er beispielsweise gerne englische Rockmusik. Als ich ihm einmal eine Kassette mit solcher Musik - es war normale Musik, kein Heavy Metal - schenkte, entfernte meine Frau sie mit der Begründung, daß die Texte okkult wären - obwohl meine Kinder die englischen Texte nicht verstehen und auch meine Frau sie nicht ins Deutsche übersetzen kann. Das hatte bei meinem Sohn zur Folge, daß er seit einiger Zeit seine Kassetten nicht mehr beschriftet, damit seine Mutter nicht weiß, was darauf ist; allerdings weiß er selbst es auch nicht mehr.
Das alles führt zu einer Art Trickserei und einem unaufrichtigen Handeln, zu dem die Kinder gezwungen werden. Auch bei meiner Tochter, die gerne Bibi-Blocksberg-Kasetten hört. Bibi Blocksberg ist eine kleine gute Hexe und das paßt natürlich überhaupt nicht in das Weltbild meiner Frau hinein, weswegen diese Kassetten strengstens verboten sind. Auch meine Tochter erfindet schon Ausreden, um die Kassetten zu hören.
Uta K.: Werden sie auch versucht zu missionieren?
S. Nowak: Das wird auch versucht. Ich muß allerdings zugeben, daß sie zu den extremen Veranstaltungen nicht mitgenommen werden. Aber sie werden natürlich gezwungen, in eine normale Kirche hineinzugehen und werden im normalen Alltagsleben mit Bibelsprüchen und frommen Litaneien traktiert. Was insbesondere bei meinem Sohn dazu geführt hat, daß er die Kirche und die Religion als solche ziemlich verabscheut und daß er am liebsten nichts mehr damit zu tun haben will. Die beste Methode um Kinder zu Atheisten zu erziehen.
Uta K.: Sie sagten ja, daß Ihre Frau depressiv war, also im psychologischen Sinn krank war. War es so, daß sie durch ihren Glauben noch kränker wurde oder wie kam es, daß Ihre Frau sich von einem solchen Glaubenssystem angezogen fühlte? Werden Kranke Ihrer Meinung nach dort noch kränker gemacht?
S. Nowak: Zunächst einmal werden meiner Meinung nach gerade psychisch Kranke von diesem Glaubenssystem angezogen. Ich habe auffällig viele depressive Frauen bemerkt dort. Das kommt wohl daher, daß sie mit ihren Problemen und mit der Welt als solche nicht mehr fertig werden, und sie dort ein Weltbild vorgesetzt bekommen, das sie von der eigenen Verantwortung freispricht. Für alles Gute ist Jesus und Gott verantwortlich und für alles Schlechte ist es der Teufel. Sie behaupten zwar, sie hätten noch einen eigenen Willen, aber ich konnte noch nie nachvollziehen, wozu eigentlich.
Wenn man nicht mehr mit sich und seiner Umwelt klarkommt, und man dann eine Möglichkeit durch die Lebensübergabe erhält, ein ganz neues Leben zu beginnen, mit dem alles, was bisher war, nicht mehr zählt - und somit auch sämtliche Probleme nicht mehr zählen - dann ist das ja schon eine sehr verlockende Sache. Allein dadurch, daß man glaubt, daß dem so wäre, funktioniert es eine Zeitlang, indem man die Probleme einfach ignoriert. Aber sie sind ja nicht weg, der Mensch ändert sich durch die Lebensübergabe nicht.
Meine Frau wurde dann auch nach ein paar Monaten von ihren Problemen wieder eingeholt. Meiner Meinung nach geht es ihr heute schlechter als zuvor, denn sie ist jetzt auch noch dazu gezwungen, daß sie ihre Probleme verleugnet. Ihr ganzes System, daß sie sich zurechtgezimmert hat, würde zusammenbrechen, wenn sie zugeben würde, daß das eigentlich alles überhaupt nichts gebracht hat.
Uta K.: Also auch keine Heilung von innen stattfand?
S. Nowak: Ja. Und natürlich wird sie auf diese Art und Weise von seriösen Therapeuten ferngehalten. Sie geht zwar zu einer extrem-religiösen Vereinigung namens IGNIS, in der sogenannte Psychologen sitzen, aber Psychotherapie im herkömmlichen weltanschaulich-neutralen Sinn findet dort, soweit ich es beurteilen kann, nicht statt.
Uta K.: Was folgte denn aus dem Glauben Ihrer Frau konkret für Ihre Familie und Ihre Ehe?
S. Nowak: Es hat unseren schon vorhandenen Ehekonflikt verschlimmert und war wohl einer der Hauptgründe gewesen, warum unsere Ehe jetzt endgültig zerbrochen ist und wir in Scheidung leben. Meine schlimmsten Befürchtungen, die ich anfangs hatte, sind eingetreten und wurden sogar noch übertroffen. Katastophal hat sich der Glaube auswirkt auf ihren früheren Freundeskreis, der praktisch gar nicht mehr existiert, weil sie alle Freunde bekehren wollte.
Ebenso katastrophal wirkt sich das auch auf ihr Verhältnis zu ihren Kindern aus, die ihre Mutter aufgrund vieler Lächerlichkeiten ihrer Glaubenspraxis nicht mehr als Autorität anerkennen können.
So berichtete mir mein Sohn von einer Begebenheit, als ein Zeitungsvertreter an der Tür meiner Frau klingelte: "Mama hat ihn weggeschickt und uns erklärt, daß sie sich jetzt in Standhaftigkeit geübt hat. Jetzt sei aber Zeit für Barmherzigkeit und wir sollten ihn wieder holen. Dann hat sie ihn wieder mit dem Christenzeug vollgeschwatzt und er hat immer genickt und ihr recht gegeben. Dann hat sie eine Zeitung abonniert und uns erzählt, daß sie ihn bekehrt hat. Ich habe gesehen, daß er sich an den Kopf gelangt hat, als er rausgegangen ist." Aufgrund der Erzählung meines Sohnes mußte ich lachen. Er erwiderte jedoch:
"Ich kann darüber nicht mehr lachen. Ich kann das alles nicht mehr hören." Das kann ich verstehen, denn solche Ereignisse sind keine Einzelfälle, sondern geschehen ständig.
Mein Sohn erzählte mir beispielsweise, daß einmal der Videorekorder kaputt war und sie im Wohnzimmer niederkniete und betete, daß Gott ihn wieder heilen und reparieren solle. Das gleiche wurde auch einmal mit einem kaputten Rolladen praktiziert. Meiner Ansicht nach macht sie sich hier lächerlich, da verlieren die Kinder jeden Respekt. Mein Sohn sagte einmal zu mir 'Ich glaube, die ist nicht richtig im Kopf'.
Uta K.: Würden Sie meinen, daß solche kranken - und ich nenne es krank - Glaubensbilder als magische Weltbilder vorgegeben werden in solchen Gemeinschaften?
S. Nowak: Ja, mit Sicherheit. Sie hat jede Menge Lektüre, mit der sie versorgt wird, und sie liest praktisch nichts anderes mehr. Meiner Meinung nach ist diese Teufels- und Okkultismusfurcht eine Art kollektiver Verfolgungswahn. Und in diesem Glaubenssystem erhält meine Frau keine Aussicht auf Heilung.