Im Alter von 13 Jahren kam ich über einen Schülerkreis an unserer Schule zum ersten Mal in Berührung mit einem charismatischen Gebetskreis. Ich war fasziniert von der lockeren Form, den rhythmischen Liedern und dem freien Gebet, das mir zum ersten Mal die Möglichkeit einer konkreten Kontaktaufnahme zu Gott auftat. Sehr schnell entstand der Wunsch, sich mehr mit dieser Sache zu beschäftigen.
Also las ich die einschlägigen Bücher von David Wilkerson ('Das Kreuz und die Messerhelden'), Nicky Cruz, versuchte so oft wie möglich in den Gebetskreis zu gehen, um nichts von der Lehre zu verpassen, und natürlich wollte ich auch in die Gruppe, in der ich mich sehr wohl fühlte, integriert werden.
Jede Woche fieberte ich schon dem Gebetskreistreffen entgegen, denn trotz aller Lehre, die besagte, daß die Stille Zeit genauso wichtig und salbungsvoll wie die Gebetskreistreffen wäre, hatte ich in der Gemeinschaft das Gefühl, Gott noch intensiver zu erleben.
Aus der Lehre und den Erlebnissen im Gebetskreis wußte ich sehr schnell, daß man unbedingt eine Lebensübergabe machen muß, um sein Leben ganz aus der Finsternis ins Licht, d.h. aus dem Herrschaftsbereich Satans in das Licht Jesu, zu stellen. Auch mußte dieser Schritt öffentlich im Gebetskreis geäußert werden, ansonsten wäre es nicht sicher, ob die Lebensübergabe gültig sei.
In besagtem Gebetskreis, in dem ich mein Leben übergab, war das emotionale Erleben extrem.
Fast die gesamte Dauer des Treffens wollte ich den entscheidenden Satz über die Lippen bringen, fühlte mich aber unfähig dies vor einer so großen Gruppe zu tun (ca. 60 Personen, mir überwiegend unbekannt!).
Innerlich fühlte ich mich völlig zerissen, wertete mein Unvermögen zu diesem Schritt als Angriff Satans, und meinte regelrecht zu spüren, daß der Teufel mich von der Lebensübergabe abhalten wollte. Sozusagen in letzter Sekunde - kurz vor Gebetskreisende - sprach ich dann noch sinngemäß folgendes aus:
"Jesus, ich gebe Dir mein Leben. Ich bitte Dich um Vergebung aller meiner Sünden. Von jetzt an will ich nicht mehr auf dem Thron meines Lebens sitzen, sondern Du. Sei Herrscher in meinem Leben."
In Tränen aufgelöst erlebte ich die anschließende Zeremonie (Handauflegung, Gebet, Lied "Segne sie, o Herr"), erleichtert, den Klauen Satans entgangen zu sein.
Sehr intensiv versuchte ich nun mein geistliches Wachstum nach allen Regeln der charismatischen Kunst voranzutreiben. Zunächst suchte ich mir eine Patin (Seelsorgerin), schloß mich einer Zellgruppe an, erhielt das Sprachengebet, machte regelmäßig Stille Zeit und besuchte ein Seminar nach dem anderen.
Meine Freizeit war schnell überwiegend charismatisch gestaltet, mein Freundskreis auch, da für andere "nicht geistliche Aktivitäten" sowieso kaum mehr Zeit blieb.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich in der charismatischen Bewegung zusehends der Trend in Richtung Zeichen und Wunder. Bei unserem jährlichen Gemeinschaftstreffen erlebte ich zum ersten Mal, durch Handauflegung von Kim Kollins, das Phänomen des 'Ruhen im Geiste'.
Zunächst fand ein normaler Lobpreisabend statt, der in einen sehr intensiven Anbetungsteil überleitete. Schon während dieser Zeit kippten einige Leute unter lautem Getöse um, und blieben in einer regungslosen Starre auf dem Boden liegen. In dem anschließenden Segnungsteil verstärkte sich dies. Fast jeder zweite, für den gebetet wurde, 'ruhte im Geist'.
Ängstlich, aber doch neugierig, ging ich zur Segnung nach vorn und prompt erwischte es auch mich. Unfähig, meinen Körper zu bewegen, doch mit vollem Bewußtsein des Geschehens um mich herum (d.h. ich konnte alles hören, wenn mich jemand berührte, war mir das unangenehm, konnte aber in diesem Moment nichts dagegen tun), verspürte ich innerlich einen sehr tiefen Frieden, den ich als Nähe Gottes auslegte. Nach einiger Zeit konnte ich wieder aufstehen, verweilte noch lange im Gebet, dankbar, Gott in einer so hautnahen Form erlebt zu haben. Diese neue Dimension des Glaubens machte mich radikaler.
Zum einen hatte ich eine Art Gottesbeweis (bzw. eine Art des Beweises für die Gegenwart des Heiligen Geistes), zum anderen entstanden dadurch der Wunsch nach mehr Hingabe und verstärktem Erleben von Zeichen und Wundern.
Hinzu kam, daß wir mit einem Teil der Gemeinschaft zu den Mitarbeiter-Vorbereitungstreffen für den 1. Kongreß mit John Wimber fuhren, von denen ich mir die Befähigung versprach, die gesamte Zeichen- und Wunderdimension in meinen Glaubensalltag einzubauen. Und so kam es dann auch:
In vier Wochenend-Kompaktseminaren bekamen wir durch Lehre von Günter Oppermann, Vineyard-Leuten und anderen 'Power-Männern und -Frauen' das nötige Rüstzeug in Sachen 'Vollmächtiger Evangelisation' sowohl in Theorie als auch in Praxis vermittelt.
Das zentrale Thema war der 'geistliche Kampf' und der Umgang mit den Dämonen. Hier erlebte ich dann auch meine ersten Dämonenaustreibungen, die genauso verliefen, wie es uns zuvor in der Lehre mitgeteilt worden war.
Während der Segnungsteile brachen Leute, häufig mit tetanischen Krämpfen verbunden, zusammen. Außer Kontrolle ihrer selbst mußten sie häufig von 3-4, manchmal sogar mehr Leuten festgehalten werden, um sich selbst oder anderen keinen Schaden zuzufügen. Das Gebetsteam wurde dazu angehalten, sehr laut in Sprachen zu beten, da die Präsenz des Heiligen Geistes den Dämonen unangenehm sei.
Ferner wurde den Dämonen im Namen Jesu befehlen, ihren Namen zu nennen, damit sie anschließend vollmächtig ausgetrieben und ins apokalyptische Feuer verbannt werden konnten.
Als ich derartige Phänomene an mir selbst erlebte, konnte ich nachvollziehen, wie man sich in dieser Situation fühlt. Zuerst kippte ich beim Segnungsteil um, als ob ich im 'Geiste ruhen' würde. Diesmal jedoch verspürte ich keinen inneren Frieden, sondern große Angst und Bedrängnis stieg in mir auf.
Da ich mich in dem Moment nicht äußern konnte, verstärkte sich das Angstgefühl drastisch, zumal ich nicht recht wußte, was passierte. Ich merkte, wie mein Körper sich zu verkrampfen begann, alles zog sich förmlich zusammen, ich hatte massive Atemnot, mir liefen die Tränen herunter, bis ich schließlich zu schreien versuchte. Aufgrund der schmerzhaften Krämpfe entstanden nur unartikulierte Laute, ich merkte, wie mehr und mehr Leute um mich herum wild beteten.
Nach einer mir endlos erscheinenden Zeit, in der ich wirkliche Todesängste ausgestanden hatte, lösten sich die Krämpfe, ich kam langsam zur Ruhe, bis ich schließlich wieder total ermattet, wieder aufstehen und mich auf meinen Platz setzen konnte. Ich war mir sicher, daß aus mir ein Dämon ausgefahren war, der mich bisher in meiner Beziehung zu Gott blockiert hatte.
In meinem Alltag nahm der sogenannte 'geistliche Kampf' daraufhin die wichtigsten Stelle ein. Immer, wenn es mir irgendwie möglich war, betete ich leise in Sprachen, stand an gegen die Mächte der Finsternis (die ich ja leibhaftig erfahren hatte), und versuchte offen zu sein für Eindrücke, die Gott mir geben wollte.
In der Gemeinschaft zählte ich inzwischen zu den 'Insidern' in Sachen 'geistlicher Kampf' und Dämonenaustreibung.
So traf ich mich regelmäßig mit anderen Gemeinschaftsmitgliedern, um z.B. für die Stadt, bestimmte Personen aus unserem Bekanntenkreis, oder andere Anliegen, die Gott uns in der entsprechenden Situation zeigte, zu beten. Meist begannen diese Treffen mit einer Lobpreiszeit, leiteten dann in einen Anbetungsteil über, bis schließlich die ersten Impulse kamen.
Oftmals hatten wir im Gebet den Eindruck, daß Gott uns ganze Legionen von Dämonen zeigte, die schließlich alle in einem sehr zeitaufwendigen Ritual einzeln gebunden werden mußten. Um die finsternen Mächte noch effektiver zu binden, wurde uns angeraten, die Dämonennamen aufzuschreiben, um sie einem katholischen Priester zu geben, der diese dann innerhalb der Meßhandlung noch vollmächtiger vertreiben konnte.
Üblich war es auch, die Gebetstreffen gleich im Gebetsraum des Zentrums abzuhalten, da dort ein Tabernakel mit Monstranz und Eucharistie stand, und die Gegenwart des Leibes Christi anscheinend noch mehr Vollmacht verlieh.
Auch andere katholische Bräuche wurden 'charismatisiert'. Wenn wir Räume für Veranstaltungen freibeteten, wurde eine Lobpreisprozession mit Monstranz und Weihrauch abgehalten, damit der geistliche Freiraum für die entsprechende Veranstaltung gewährleistet war. Standen wir im Segnungsdienst, hatten wir häufig geweihtes Öl mit dabei, um für den Fall einer Krankenheilung oder Dämonenaustreibung noch besser ausgerüstet zu sein. Ebenso war es gängige Praxis, mit Neulingen 'das Leben durchzubeten'. Hierbei wurde in häufig stundenlangen Gebetstreffen die persönliche Vergangenheit sowie die Geschichte der Familie bis zurück in die 3. Generation im Gebet aufgerollt, so daß eventuelle Hindernisse in der Beziehung zu Gott (Flüche, okkulte Belastungen, Sünden etc.) erkannt und beseitigt werden konnten.
In diese Zeit des 'vollmächtigen Dienstes' fiel der Beginn meines Studiums.
Da mein Studienort 600 km von meiner Heimat entfernt lag, war es klar, daß dies auch die Zugehörigkeit zu der Gemeinschaft erschweren würde, und ich zur 'geistlichen Abdeckung' unbedingt am Studienort eine charismatische Gemeinschaft suchen mußte.
Dies war zunächst nicht schwer, denn das Power-Management-Team der Missionsgesellschaft Jesus-Leute hatte bereits bei uns Seminare gehalten, die sehr gut ankamen. Somit hatte ich bereits eine Anlaufadresse.
Der Gemeinschaftsstil war ähnlich, schnell fand ich dort auch eine Seelsorgerin, arbeitete in einem Hauskreis mit, und versuchte mich in die neue Gruppe zu integrieren.
Durch das Studium war jedoch eine andere Situation entstanden. Da ich in der ganzen Stadt noch keine Menschenseele kannte, schloß ich Freundschaften auch mit Nicht-Charismatikern. Zunächst geschah dies noch (auch zur Rechtfertigung gegenüber meiner Seelsorgerin) aus Evangelisationsgründen, bald aber führte ich mit vielen Komilitonen sehr intensive Diskussionen über Religion, Philosophie und anderes. Dies brachte mich mehr und mehr zum Zweifeln. Im Gebet kämpfte ich gegen diese Situation an und flehte darum, nicht vom Glauben abzufallen.
Die Gottesdienste und Gebetskreise empfand ich zusehends als grotesker.
Ich fühlte mich unwohl, ließ ständig für mich beten, da ich mir eine Besserung der Situation erhoffte, und hatte Angst, durch meine Zweifel eine zu große Angriffsfläche für den Teufel zu bieten. Hinzu kam ein immenser Druck durch eine Prophetie, die sagte, daß mein Studium und mein Beruf nur im Dienst Gottes erfolgreich sein würden. Um nicht mehr zur Gemeinde gehen zu müssen, stürzte ich mich in Arbeit und plante, mein Examen schon sehr bald zu machen.
Meiner Seelsorgerin sagte ich, daß ich glaubte, hierdurch den Willen Gottes zu erfüllen. Sie stimmte mit diesem Eindruck überein, meinte aber, daß ich mich nach dem Examen unbedingt wieder in die Gemeinde integrieren müßte, da ich sonst keine 'geistliche Abdeckung' mehr hätte. In der Examensvorbereitung hatte ich sehr heftige Krisen. Ich meinte zu merken, wie ich mich langsam von Gott entfernte und hatte ständig das Gefühl, mehr und mehr zum verräterischen Judas zu werden.
Einher mit der vielen Arbeit und dem hinzukommenden psychischen Druck gingen ständige Depressionen und psychosomatische Störungen, die sich in chronischen Magenschleimhautentzündungen und Allergien äußerten. Meine Seelsorgerin interpretierte diese Krankheitssymptome als Zeichen Gottes, welche mir die Notwendigkeit einer verbindlichen Gemeindezugehörigkeit aufzeigen sollten.
Als das Examen dann vorüber war, verstärkte sich der Druck immens. Ich spürte, daß es keine Lösung darstellte, wieder in die Gemeinde zu gehen, wurde aber mit dem ganzen Verdammungsdruck nicht fertig. Dies führte dazu, daß ich mich immer wieder mit Suizidgedanken beschäftigte. Letztlich gipfelte es darin, daß mich mein Arzt in stationäre psychotherapeutische Behandlung schickte. Hier hatte ich endlich die Chance, in einem genügend großen Abstand zu allem Charismatischen meine Probleme zu überdenken, und mich nach und nach kritisch mit dem gesamten Gedankengut auseinanderzusetzen. Hilfreich hierbei war mir auch eine Selbsthilfegruppe in der Region für Ausstieg aus fundamentalistischen Gruppen. Ich lernte andere Personen kennen, die mit den gleichen Problemen, Gedanken, Ängsten und Träumen zu kämpfen hatten wie ich, und die mir die Sicherheit gaben, kein Einzelfall zu sein.
Ich weiß heute, daß ich durch meine lange Zugehörigkeit zur charismatischen Gemeindeerneuerung zu vielen Bereichen Zugang hatte, die nach außen hin meist nicht auf dem ersten Blick erkennbar sind.
Auch habe ich bei meinem Ausstieg von CharismatikerInnen zu hören bekommen, daß bei mir ja viel falsch gelaufen sei. Mag dies sein wie es will. Ich kann definitiv nur von meinem Erlebten sprechen und muß hoffen, nicht als besonders labiler Fall zu wirken.
Fazit ist, daß ich wahrscheinlich noch lange brauchen werde, die Gedankenmuster der charismatischen Gemeindeerneuerung zu durchbrechen. Auch ist es nicht einfach, anzufangen, selbstverantwortlich zu leben und Entscheidungen zu treffen, wenn man jahrelang auf Eindrücke (seien sie von Gott, dem Seelsorger, Propheten etc.) gewartet hat.
Wichtig für meinen Loslösungsprozeß ist die Überlegung geworden, daß wenn Gott tatsächlich die Liebe ist, daß er einen Menschen mit Lebensfreude und Verantwortungsbewußtsein kaum verstoßen wird und er das Leben nicht als eine Kampfarena gegen Dämonen und finstere Mächte, sondern als Angebot für erfülltes menschliches Zusammenleben geschaffen hat.