Uta K.: Wie sind Sie denn in die Bewegung gelangt, und was hat Sie damals fasziniert?
Yvonne S.: Ich bin in die charismatische Bewegung gelangt durch meine Schwester, die selbst schon seit einem Jahr in einer charismatischen Gemeinde in England war und die mir von ihren Erfahrungen - unter anderem dem Zungenreden und der Prophetie - berichtet hatte. Dann hatte sie mich einmal zu einer Bibelwoche in England eingeladen. Dort habe ich zum ersten Mal Lobpreis erlebt. Fasziniert hat mich die positive Lebenseinstellung der Leute, die Gruppenzusammengehörigkeit, dieses Gemeinschaftsgefühl.
Uta K.: Charismatiker legen starken Wert auf die Geistesgaben. Was hatten Sie denn für Erfahrungen mit den Charismen?
Yvonne S.: Das erste Charisma, das ich bekam, war das Zungenreden, Prophetie kam etwas später, im Rahmen von 'Jugend mit einer Mission'...
Uta K.: Was hieß Prophetie?
Yvonne S.: Daß man im Gebet Eindrücke in seine Gedanken bekam, von denen man plötzlich annahm oder behauptete, daß sie von Gott wären, und die man dann auch entsprechend ausgesprochen hat. Manche bekommen Prophetien in Bildern oder in Worten. Bei mir waren das mehr Worte und generelle Eindrücke, die ich dann immer formuliert habe, zum Beispiel der Gemütszustand eines bestimmten Menschen.
Uta K.: Wie sehen Sie das heute?
Yvonne S.: Das ist ein schwieriges Thema, ich habe im Laufe dieser dreizehn Jahre relativ viele sogenannte Prophetien erlebt, die sich nicht erfüllt haben. Ich habe einige Prophetien erhalten, die über mir ausgesprochen wurden, die ich nun gar nicht bestätigen kann.
Im Nachhinein denke ich, daß da viele gruppendynamische Prozesse eine Rolle spielen. In einer Gebetsgemeinschaft kannte man sich gut, und ich konnte, da ich psychologisch einfühlsam bin, relativ gut die Gefühlsregungen meiner Mitmenschen wahrnehmen und Situationen beurteilen. Ich erhielt gegen Ende meines Studiums, als ich mich fragte, wie es weitergehen sollte, von einer Frau eine Prophetie, daß ich nach Hamburg ziehen würde. Da ich in eine andere Stadt zog, bewahrheitete sich das nicht. Auch, daß ich meinen Ehemann auf einem Schiff von 'Jugend mit einer Mission' kennenlernen würde, hat sich nicht bestätigt.
Eine unspezifischere Prophetie hat mich 1981 sehr belastet. Mir wurde gesagt, ein Jahr der Tränen läge vor mir, worauf viele gute Jahre folgen würden. Ich habe ständig auf dieses Jahr der Tränen gewartet, welches in dieser Ausprägung niemals kam. Dennoch schwebte es wie eine dunkle Wolke über mir.
Uta K.: Sie haben ja auch ein Stück Geschichte der Bewegung miterlebt, insofern als eine Entwicklung der Gesamtbewegung geschah. Was war Ihre Reaktion, als jemand zum ersten Mal im 'Geist ruhte' oder später der 'Toronto'-Segen aufkam?
Yvonne S.: Damit, daß Leute umfallen, wurde ich schon 1981 konfrontiert in England. Ich war damals 19, und es hat mich begeistert, daß etwas passiert, daß 'Action' ist. Das war für mich auch so etwas wie ein Gottesbeweis. Ich war dann Mitarbeiterin in der Teenagergruppe in Frankfurt und kann mich noch erinnern an eine Pfingsttagung, bei der wir Jugendliche zur Bekehrung aufgerufen haben. Ich war absolut fasziniert, als die Leute unter meiner Handauflegung anfingen, umzufallen. Das war für mich ein Zeichen göttlicher Bestätigung.
Den Toronto-Segen habe ich im 'Christlichen Zentrum Frankfurt' Einzug halten sehen, das war vergangenen Sommer/Herbst 1994. Ich war wieder ganz offen, aber dann wurde ich kritisch. Ich habe mich allmählich gefragt, 'Was passiert denn da eigentlich?' Denn ich hatte absolute 'High'-Phasen, worauf starke 'Down'-Phasen folgten. Ich weiß noch, ich ging mit einer Freundin nach einem Segnungsgottesdienst ein Bier trinken. Wir gingen in die Kneipe hinein und gebärdeten uns wie betrunken. Am nächsten Tag aber fühlte ich mich sehr niedergeschlagen - was ich natürlich als Angriff vom Feind deutete. Außerdem bemerkte ich rückblickend, daß man in der Bewegung ständig das Gefühl hatte, kurz vor der endgültigen Erweckung sowohl der Gemeinde als auch der Welt zu stehen. Es traten immer neue Wellen auf: Die Welle der 'geistlichen Kampfführung', der 'inneren Heilung', und dann der Seelsorge und des Lobpreises. Zuletzt kam die 'Toronto'-Welle. Und als dort wieder gepredigt wurde, wir ständen kurz vor der Erweckung, wurde ich immer kritischer.
Uta K.: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem herrschenden Teufels- und Dämonenglauben gemacht?
Yvonne S.: Auch in diesem Zusammenhang gab es eine regelrechte Welle. Aus England kam eine spezielle Gruppe, die in Kreisen von 'Jugend mit einer Mission' sehr aktiv wurde und lehrte, daß jemand bis zu zwanzig oder dreißig Dämonen haben könne. Wir fingen an, uns gegenseitig die Dämonen auszutreiben.
Uta K.: Wie ging das vonstatten?
Yvonne S.: Man fing an zu beten, meistens 'in Sprachen' - sozusagen um die Präsenz des Heiligen Geistes als Herausforderung an die böse Macht heraufzubeschwören. Dann wurden meist die Hände aufgelegt und man wartete auf irgendwelche Manifestationen. Ich habe erlebt, daß ein Mädchen in Ohnmacht gefallen ist und es wilde Zuckungen hatte. Bei anderen Personen erlebte ich, daß die Augäpfel nach hinten rollten. Dann hat man so lange die Hände aufgelegt und im Namen Jesu gebetet, bis diese Manifestationen aufgehört haben oder man das Gefühl hatte, daß der Dämon jetzt weg ist.
Uta K.: Haben Sie auch einmal eine Dämonenaustreibung an Ihrem eigenen Leib erfahren?
Yvonne S.: Ja, wobei ich keine Manifestationen hatte. Es geschah, als die englische Gruppe uns alle einmal von unserer Wohngemeinschaft nach Dämonen 'durchcheckte' und meinte, auch den einen oder anderen bei mir zu entdecken. Einen Dämon glaubte der heutige Leiter des 'Christlichen Zentrums Wiesbaden' bei mir zu entdecken, einen 'Geist der Manipulation', der von meiner Mutter mir übertragen worden sei, den habe ich regelrecht rausgehustet.
Auch meine Seelsorgerin meinte einmal, ich hätte so viele Schwierigkeiten in meiner Beziehung, daß ich da doch irgendeinen Dämon hätte. Die reden ja einem dann alles mögliche ein.
Uta K.: Halten Sie das heute - Sie sind ja im medizinischen Bereich berufstätig - für gefährlich? Vor allem die körperlichen Symptome? Man hört ja auch immer wieder von Erbrechen.
Yvonne S.: Ja, das habe ich auch miterlebt.
Ja, gerade bei Kindern und Jugendlichen halte ich das für gefährlich. Ich halte in der Bewegung vor allem die geistige Fehlleitung und die psychische Abhängigkeit für gefährlich, die gerade junge Leute ihren Seelsorgern gegenüber entwickeln. Dieses Gefühl 'Ich kann ohne diese Gruppe mein Leben nicht meistern'. Man ist ja ständig in einem geistlichen Prozeß und Gott vollzieht gerade irgendetwas 'Atemberaubendes' an einem. Auch diese Lockungen mit hohen Berufungen durch Prophetien, die die Leute teilweise in ihrem ganzen Lebenskonzept in falsche Richtungen lenken. Gerade was die Toronto-Bewegung anbelangt, denke ich, daß sowieso emotional labile Menschen noch instabiler werden, wenn Menschen über Stunden hinweg Gefühlsausbrüchen wie Lachen und Weinen ausgeliefert sind.
Uta K.: Wie ist das? Gibt es einen Absolutheitsanspruch in der charismatischen Bewegung, der sich an der 'Lebensübergabe' festmacht?
Yvonne S.: So wie ich es erlebt habe, ja. Man wird als Christ anerkannt, sobald man die Lebensübergabe gemacht hat. Dann ist man vom 'Reich der Finsternis' ins 'Reich des Lichtes' übergegangen. Das ist die Definition von 'Christ' in diesen Kreisen. Zumindest in denen, in denen ich verkehrt habe.
Uta K.: Sie haben ja schon angedeutet, daß Sie aufgrund der Toronto-Phänomene kritisch wurden und nicht zuletzt ausstiegen. Was haben Sie erlebt während Ihres Ausstiegs?
Yvonne S.: Das war natürlich nach dreizehn Jahren in diesen Denksystemen eine sehr sehr schwierige Zeit. Bei mir war es speziell so, daß letztlich ein großer Katalysator mein Freund war, der nicht Mitglied in der Charismatischen Gemeinde war. Es gab große Spannungen in der Beziehung, weil ich am Anfang noch voller Missionseifer war, ihn bekehren wollte und ihn in die Gemeinde ziehen wollte. Parallel dazu, als der Toronto-Segen immer mehr in die Gemeinde einzog und es immer 'wilder' wurde, habe ich einerseits gemerkt, daß ich Abstand zur Gemeinde haben wollte, andererseits konnte ich mich nicht richtig lösen. Es war eine schwierige Phase.
Am schwierigsten war die Trennung von meinen Freunden. Als ich anfing, seltener zu den Gottesdiensten zu kommen, wurde ich 'scheel' betrachtet von den Mitgliedern der Gemeinde - weil mein Eifer für Gott quasi nachließ. Ich hatte mit massiven Schuldgefühlen zu tun. Zum Beispiel, wenn ich einmal drei Wochen nicht zum Gottesdienst gegangen war - da man im Bewußtsein der Charismatiker auf jeden Fall eine Gemeinde braucht, weil man ohne sie eine Beute des Teufels ist. Diese Befürchtung war lange Zeit mein Thema. Mein Freund kann ein Lied davon singen, wie oft ich zu ihm gesagt habe: 'Du führst mich in die Hölle'. Ich hatte wahnsinnige Angst, aus der Gnade Gottes gefallen zu sein.
Und es gab eine Zeit, wo ich nicht mehr wußte, was richtig und was falsch ist. Ich merkte plötzlich, wie Gewissen formbar und prägbar ist. Ich hatte mein Wertesystem, mein System, die Welt zu betrachten, verloren. Ich hatte gemerkt, es hatte nicht 'hingehauen', aber ich hatte auch noch kein neues Wertesystem und erlebte eine sehr schwierige Zeit. Viele Schuldgefühle, auch depressive Phasen, viele Selbstvorwürfe, natürlich auch Haß gegen die charismatischen Bewegung und letztlich auch Scham, daß mir so etwas passiert ist. Je mehr ich dann ausstieg, desto mehr schwand dann das schlechte Gewissen.
Dennoch war es eine Zeitlang so, daß wenn ich jemand aus der Bewegung traf, sich die Schuldgefühle wieder wie eine Decke über mir ausbreiteten. Dieses ist inzwischen nicht mehr der Fall.
Ich merke, es wird Schritt für Schritt besser und ich spüre, ich bekomme immer mehr Grund unter die Füße. Momentan denke ich, daß es besser ist, die Dinge mit dem Verstand durchzudenken, und Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Denn ich denke, daß wenn es einen Gott gibt, er dem Menschen wesentlich mehr Verantwortung zubilligt, als ich früher dachte, wenn ich von Gott Instruktionen für mein ganzes Leben erhoffte.
Da ich erlebt habe, wie Gefühle täuschen können, treffe ich meine Entscheidungen im Moment vorwiegend rational, auch versuche ich einen eher rationalen Lebensentwurf aufzustellen, und ich merke, ich bekomme Grund unter die Füße.