Mein Weg aus der evangelischen Kirche in eine freie Gemeinde und zurück

Kindheit und Jugend in der evangelischen Kirche

Von Kindesbeinen an hatte ich eine positive Beziehung zur evangelisch-lutherischen Kirche. Es fing damit an, dass meine Eltern mich in einen evangelischen Kindergarten gaben. Sie selbst waren zwar überhaupt nicht gläubig, bestärkten mich aber darin, auch zum Kindergottesdienst zu gehen, weil ich dadurch mehr Kontakt zu anderen Kindern bekam. Bald darauf nahm ich bei der Gemeindeorganistin Unterricht, lernte Klavier und Kirchenorgel spielen. Ich durchlief den Konfirmandenunterricht, wurde getauft und konfirmiert und schloss mich einer kirchlichen Jugendgruppe an. Ich bin immer freiwillig und gern dorthin gegangen, denn die freundliche Atmosphäre, die behutsamen Umgangsformen, die Botschaft von Frieden und Nächstenliebe gefielen mir; sie entsprachen meinen Neigungen und Bedürfnissen. Meine Bibelkenntnisse blieben dabei jedoch sehr gering und meine Vorstellung von Gott ziemlich schwammig, denn so etwas wurde dort kaum vermittelt.

Bekehrung

In einem Studentenbibelkreis lernte ich dann eine andere Sorte Christen kennen: "bekehrte" und "wiedergeborene" Christen. Bei ihnen herrschte dieselbe freundliche Atmosphäre, dieselben netten Umgangsformen, die ich an Christen schätzte, aber darüber hinaus kannten sie sich in der Bibel gut aus und nahmen sie ziemlich wörtlich ernst. So ein Glaube war mir neu; ich war fasziniert: Die Bibel schien eine vollkommene "Bedienungsanleitung" für das menschliche Leben und eine Quelle unermesslicher Verheißungen zu sein; als solche wurde sie auch angepriesen. Diese Studenten brachten mir eine Botschaft nahe, die ich bis dahin noch gar nicht kannte: dass Jesus Christus für uns gestorben ist zur Vergebung unserer Sünden, damit alle, die an ihn glauben das ewige Leben haben. Fortan nahm ich es der evangelisch-lutherischen Kirche sehr übel, dass man mir dort diese zentrale, heilsnotwendige Botschaft vorenthalten hatte! Unter Anleitung zweier Studenten aus dem Bibelkreis sprach ich ein Gebet, in dem ich mein Leben Jesus Christus weihte und zählte mich hinfort auch zu den "Bekehrten" und "Wiedergeborenen". Ich las nun eifrig in der Bibel, denn ich glaubte, darin Gottes unfehlbares Wort für mich persönlich zu finden. Bald kannte mich in der Bibel sehr gut aus. Ab und zu entdeckte ich in der Bibel auch Widersprüche, aber für die hatten die Studenten im Bibelkreis meistens recht gute Erklärungen parat, so dass ich an der Zuverlässigkeit der Bibel nicht zweifelte.

Übertritt in die Freikirche

Ich trat aus der evangelisch-lutherischen Kirche aus, weil ich mich dort mit meinem neuen Glauben nicht mehr heimisch fühlte. Statt dessen schloss ich mich einer Baptistengemeinde an. Es gefiel mir, dass man die Bibel dort ernst nahm und sich bei großen und kleinen Entscheidungen nach biblischen Grundsätzen richtete. Aber da gab es andere Gemeinden, die mir eigentlich noch besser gefielen: die Pfingstgemeinden und die charismatischen Gemeinden. Ich war in solchen Gemeinden oft zu Gast und war sehr angetan von ihrer Glaubensstärke, ihrer Begeisterung für Jesus und den vielen Gebetserhörungen und Wundern, die sie angeblich immer wieder erlebten. Im Vergleich dazu erschien mir meine Baptistengemeinde doch ziemlich mittelmäßig, langweilig und spießig. Ich war von der Wahrheit der Bibel felsenfest überzeugt und wollte sie noch wesentlich radikaler in die Praxis umsetzen.

In der Praxis klappte das nicht besonders gut: Ich hielt es z.B. für wichtig, vor dem Essen zu beten, aber oft schämte ich mich zu sehr, dies auch zu Hause vor den Augen meiner Eltern zu tun. Diese aus "Menschenfurcht" versäumten Tischgebete bereiteten mir zuweilen arge Schuldgefühle. Das Gebot "Du sollst nicht stehlen" fasste ich dahingehend auf, dass ich auch jegliches Copyright nicht verletzen durfte. Dass ich auch das in der Praxis nicht immer hundertprozentig durchsetzen konnte, bereitete mir eine Zeit lang auch schlimme Schuldgefühle.

Aber abgesehen von meinem Versagen, für das ich immerhin Vergebung in Anspruch nehmen durfte, wurde ich auch von Gott immer wieder schwer enttäuscht: Die Bibel enthielt zwar viele wunderbare Verheißungen, aber in der Praxis trat das Verheißene oft nicht ein. Oft wurden meine Gebete nicht erhört; ich erwartete Führung und Leitung von Gott, aber er antwortete mir nicht, und die erwarteten Wunder blieben aus. In solchen Fällen war ich dann hin- und hergerissen: Sollte ich meine Erwartungen an Gott auf ein "vernünftiges" Maß herunterschrauben, wie es die meisten anderen in der Baptistengemeinde taten? Damit wäre ich zwar mehr in Übereinstimmung mit der Realität, aber ich würde Gott damit auch "klein machen", ihm nicht mehr viel zutrauen. Oder sollte ich auf meinen großen Erwartungen beharren und eifrig suchen, wo sie sich wohl erfüllen könnten? Meine Besuche bei Pfingstgemeinden und charismatischen Gemeinden machten mir Mut, auf meinem "großen Glauben" zu beharren, denn dort erzählten sie ja immer sehr viel von Gebetserhörungen und Wundern (obwohl ich damals schon den Verdacht hatte, dass sie in ihren Reden übertreiben und in Wirklichkeit auch gar nicht übermäßig viele Wunder erleben).

Leitbild: Der Auszug aus Ägypten

Freunde in meiner Baptistengemeinde meinten, Gott würde bei uns deshalb wenig Wunder tun, weil wir in unserer reichen, westlichen Zivilisation ja rundum bestens abgesichert seien und meistens gar keine Wunder nötig hätten. Das fand ich logisch: Gott tut wenig für uns Reiche. Er kümmert sich mehr um die Armen, weil die es viel nötiger haben. Jesus hat ja auch gesagt: "Selig sind die Armen" und "Wehe euch Reichen!" Ich wollte es aber nicht bei dieser Erklärung bewenden lassen; ich wollte Gott unbedingt so intensiv wie möglich erleben, und wenn mein Wohlstand dafür ein Hindernis war, so wollte ich mich eben davon lösen. Ich strebte nach dem alten (in Vergessenheit geratenen) christlichen Ideal der Armut.

Die biblische Geschichte vom Auszug aus Ägypten wurde für mich zu einem Leitbild: Ebenso wie das Volk Israel aus Ägypten, aus der Sklaverei (die trotz aller Härte immerhin gesicherte Verhältnisse bot) vierzig Jahre durch die Wüste ins gelobte Land Kanaan zog, wollte auch ich mich aus den gesicherten, bürgerlichen Verhältnissen lösen und den Rest meines Lebens ungebunden als Pilger meiner Heimat im Himmel entgegen gehen. Geld, Besitz und Karriere waren dabei in meinen Augen absolut unwichtig, eher hinderlich.

Der Weg in die Mission

Wäre ich zu der Zeit katholisch gewesen, so wäre ich höchstwahrscheinlich in ein Kloster eingetreten. Aber im evangelikalen Christentum gibt es keine Klöster. Das Radikalste, was man in dieser Glaubensrichtung tun kann, ist, als Vollzeitmissionar ins Ausland zu gehen, und dazu glaubte ich mich nun berufen. Um erstmal probeweise reinzuschnuppern, machte ich bei einem charismatischen Missionswerk einen zweiwöchigen Evangelisationseinsatz in Albanien mit.

Von dem Missionseinsatz war ich absolut begeistert: Ich hatte schon immer eine seltsame Vorliebe für arme Länder, so liebte ich auch Albanien, das ärmste Land Europas sehr. Und die Evangelisation dort wurde allem Anschein nach ein großer Erfolg - viele Bekehrungen, etliche Heilungen! Ich dachte: "Gott tut in Albanien viel mehr Wunder als in Deutschland! Ich will noch einmal nach Albanien als Missionar, für längere Zeit, denn dort kann ich für Gott viel mehr bewirken als in Deutschland. Die Leute sind dort sehr offen für das Evangelium; sie bekehren sich schnell." So meldete ich mich im darauf folgenden Jahr für ein "Jahr für Gott" in Albanien an. Ich kündigte meine Arbeitsstelle; insgeheim hatte ich vor, nicht nur ein Jahr, sondern den Rest meines Lebens Missionar zu sein. Hiermit nahm in meinen Augen das oben genannte Leitbild vom "Auszug aus Ägypten" allmählich Gestalt an.

Zwischendurch erfuhr ich dann allerdings, dass unsere Evangelisation in Albanien doch kein so toller Erfolg gewesen war: Die meisten der damals "Bekehrten" hatten sich keiner Gemeinde angeschlossen und auch keinen christlichen Lebensstil angenommen; sie hatten sich anscheinend nur oberflächlich bekehrt und waren schnell wieder vom Glauben abgefallen. Somit hatte sich eigentlich ein wesentlicher Grund für mich, nach Albanien zu gehen als nichtig erwiesen, aber ich ließ mich nicht beirren. Ich fuhr zu einer sechswöchigen Schulung nach Mecklenburg, wo wir für das "Jahr für Gott" in Albanien vorbereitet wurden.

Umleitung nach Sachsen

Während dieser Zeit brachen in Albanien schwere Unruhen aus, so dass unser Missionseinsatz verschoben und nach langem Hin und Her schließlich ganz abgesagt werden musste. Das Missionswerk bot uns, die wir uns für "ein Jahr für Gott" frei gemacht hatten, Ersatzprojekte in Deutschland an. Ich nahm so ein Ersatzprojekt an und kam dadurch zu einer kleinen, freien, charismatischen Gemeinde nach Sachsen, wo ich mich in ein hübsches Mädchen verliebte, weswegen mir die endgültige Absage des Albanien-Projektes dann eigentlich recht gelegen kam. Aber in meinem Glauben war ich verunsichert: Ich war doch überzeugt gewesen, dass Gott mich in die Mission nach Albanien berufen hatte. Nun entwickelten sich die Dinge aber plötzlich ganz anders in Richtung "verliebt-verlobt-verheiratet"! War das wirklich Gottes Weg für mich? Während der Schulung war mir doch prophezeit worden, dass ich für Gott bestimmte Aufgaben in Albanien erfüllen würde! Waren diese Prophetien denn falsch gewesen? Und war Gott überhaupt mit der Liebesbeziehung zu diesem Mädchen einverstanden? Sollte ich nicht meiner früheren Überzeugung gemäß Gott zuliebe lieber ledig bleiben, damit ich besser für ihn arbeiten kann? Ich suchte Rat bei der Pastorin dieser freien Gemeinde, und sie ermutigte mich, die Liebesbeziehung mit dem Mädchen fortzusetzen. Einige Zeit später heirateten wir.

In der freien Gemeinde

So war ich zwar nicht in die Mission gelangt, aber immerhin in eine radikal charismatische Gemeinde. Ich war damals überzeugt, dass Gott in charismatischen Gemeinden am stärksten wirkt und am konkretesten erfahrbar ist. So sah ich meine Chance gekommen, endlich große Dinge mit Gott zu erleben. Denn auch hier wurde ja immer wieder gepredigt, wie unfassbar gewaltig großartig treu und zuverlässig Gott ist.

Das Leben in der freien Gemeinde war anspruchsvoll und manchmal auch anstrengend: Da wir sehr wenig Mitglieder waren, wurde von jedem Einzelnen erwartet, sich an zahlreichen missionarischen, diakonischen und handwerklichen Aktivitäten zu beteiligen. Gezwungen wurde man zu nichts, aber es gab einen gewissen Gruppendruck: Da die meisten sich sehr fleißig beteiligten, mochte man als Einzelner nicht weniger Fleiß an den Tag legen, denn sonst hätte man leicht als halbherzig und "lau" gegolten. Gemeinsames Gebet, gemeinsames Essen und gemeinsame Freizeitgestaltung wurde groß geschrieben, und auch finanzielle Opfer waren oft nötig. In finanzieller Hinsicht ging es aber offensichtlich korrekt zu. Wir hatten reichlich Einblick in das Privatleben unserer Leiter; ich kann bezeugen, dass es dort keinen gewieften Sekten-Guru gab, der auf unsere Kosten ein ausschweifendes Leben genossen hätte.

So war man in jeder Hinsicht sehr stark in die Gemeinde eingebunden. Eine enge, geradezu familiäre Bindung zur Gemeinde wurde ausdrücklich angestrebt; man hatte wenig Privatleben außerhalb der Gemeinde.

Satan und Dämonen waren nach unserer Auffassung reale Gegner, die wir durch Gebete, Bekenntnisse und symbolische Handlungen besiegen konnten. Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Krankheit, Homosexualität, Freimaurerei, fremde Religionen, Harry Potter und vieles mehr wurde ihrem Wirkungskreis zugeschrieben.

Die Gemeinde war entschieden antiintellektuell: Der menschliche "Verstand", ausgeklügelte Gedanken und Theorien galten dort nichts. Man könne Gott nicht mit dem Verstand erkennen; wir müssten vielmehr unseren Verstand beiseite lassen und "Narren in Christus" werden, hieß es (frei nach 1. Korinther 1:18 ff. und 4:10). So blieb ich mit meiner eher nüchternen, kopflastigen Art dort immer ein wenig Außenseiter.

Alles, was die charismatische Bewegung weltweit an Neuerungen hervorbrachte (Torontosegen, "Wort des Glaubens"-Lehre, Hauskirchen) wurde bei uns begeistert aufgegriffen. Aber mein Verlangen nach wirklich großen Erlebnissen mit Gott wurde bei alledem nicht wirklich gestillt. Es blieb immer eine große Diskrepanz zwischen den herrlichen, gewaltigen Worten, die gepredigt wurden und dem Wenigen, Geringen, was tatsächlich geschah. Die wirklich großen Wunder geschahen immer woanders, in entlegenen Regionen der Erde (z.B. Uganda, China). Unsere Gemeinde hatte zwar den Wahlspruch: "Das Reich Gottes steht nicht in Worten, sondern in Kraft" (1. Kor 4:20), aber in der Praxis schien doch immer wieder genau das Gegenteil zuzutreffen: Wir mussten immer wieder sehr, sehr viele Worte machen (Gebete etc.), aber es war nur sehr wenig Kraft zu spüren! Wir wurden ermutigt, uns in jeder Hinsicht total auf Gott zu verlassen. In der Praxis brachte dieses Gottvertrauen oft nicht den erwarteten Effekt, aber das war für uns niemals ein Anlass zum Zweifeln, denn im Nachhinein fand man, wenn man wollte, immer irgend welche "guten" Erklärungen dafür.

Krankheit und Tod

Nach der Geburt unseres Sohnes benahm meine Frau sich zunehmend seltsam: Sie legte zeitweise einen übermenschlichen Arbeitseifer an den Tag, war dann aber zeitweise auch total überfordert und kam ihren Pflichten nicht mehr nach. Sie hielt strenge Diät und hatte ständig Angst, den Anforderungen des Lebens nicht gerecht zu werden. Sie tat manchmal ziemlich seltsame Dinge. Eines Tages gestand sie mir, dass sie einen Selbstmord vorbereitet hatte. Sie war schwer depressiv geworden. Ich ging mit ihr zum Arzt, der wies sie sofort in die Psychiatrie ein.

Nach ein paar Wochen wurde sie wieder entlassen. Sie bekam starke Medikamente verschrieben, unter deren Nebenwirkungen sie sehr litt. Nach und nach setzte sie eigenmächtig ihre Medikamente ab. Nach knapp einem Jahr wurde sie wieder schwer depressiv. Sie wollte nicht wieder in die Psychiatrie, wollte nicht wieder diese Medikamente nehmen. Sie setzte vielmehr ihr ganzes Vertrauen auf Gott, wollte unbedingt von Gott geheilt werden. Sie sprach fast pausenlos Gebete und positive Bekenntnisse. Ich betrachtete das kritisch und mit Sorge, ließ sie aber gewähren, weil ich göttliche Heilung immerhin für möglich hielt und ich in ihrem Fall auch keine bessere Lösung wusste. Unsere Gemeinde hat ärztliche Behandlung und Medizin nicht abgelehnt, aber göttliche Heilung durch Handauflegung, Gebet und Glauben wurde höher geschätzt.

Eines Abends ging ich allein mit meinem kleinen Sohn zum Hauskreis. Meine Frau kam nicht mit, weil sie Schreibmaschinenkurs hatte. Wir verbrachten dort eine schöne Zeit mit viel Lobpreis und Gebet. Als wir wieder nach Hause kamen, war mein Schwiegervater zusammen mit einem Polizisten da; sie sagten mir, dass meine Frau sich selbst umgebracht hatte.

So hatten sich Gottes Verheißungen wieder einmal, aber diesmal auf sehr drastische Weise als null und nichtig erwiesen: Gott hatte sie nicht geheilt, obwohl es sehr dringend nötig gewesen wäre. Und Gott hatte es nicht mal für nötig gehalten oder war nicht in der Lage, mir Bescheid zu geben, dass meine Frau in großer Gefahr ist, während ich ihm im Hauskreis Lieder sang und zu ihm betete!

Ich klagte Gott aber zunächst gar nicht an, denn nach meinem damaligen Verständnis war allein Satan für den Tod meiner Frau verantwortlich; es war nicht Gottes Schuld. Ich war fest entschlossen, mich durch Satan nicht irre machen zu lassen, darum hielt ich am Glauben fest. Merkwürdigerweise empfand ich auch gar keine große Trauer; ich lebte ziemlich normal weiter, kümmerte mich um meine Pflichten, ging zur Arbeit, versorgte meinen Sohn. Aber mein Vertrauen zu Gott hatte doch erheblichen Schaden gelitten und fing ganz langsam an zu bröckeln. Der Optimismus, dass Gott über uns wacht, so dass uns kein Unglück zustößt war mir verloren gegangen. Mir wurde klar: Da ist niemand, der über uns wacht, der uns schützt. Wir müssen selber aufpassen, so gut es geht, und dennoch kann uns jederzeit unverhofft jedes beliebige Unglück treffen, egal wie fromm und gottesfürchtig wir sind.

Kritik

Trotz dieser Erkenntnis hielt ich noch einige Zeit am christlich-charismatischen Glauben fest. Da ich schon meine Frau verloren hatte, wollte ich nicht auch noch meine Gemeinde und meinen Gott verlieren! Ich brauchte sie ja als Trost und als Halt. Aber ich nahm Gott nicht mehr hundertprozentig ernst und betrachtete meine Gemeinde zunehmend kritisch. Mir fiel auf, dass sie zwar behauptete, sich allein nach der Bibel zu richten, die das vollkommene, irrtumsfreie Wort Gottes sei, aber tatsächlich wurden manche Bibelstellen gar nicht in die Praxis umgesetzt, sondern weginterpretiert, und das war auch gut so, denn es wäre schwer erträglich gewesen, sie tatsächlich umzusetzen:

In der Bibel steht z.B., dass Frauen in der Gemeinde schweigen sollen. Bei uns durften die Frauen aber reden (und das fand ich auch recht so); wir hatten ja sogar eine Pastorin, die predigte!

In der Bibel steht, dass es Sünde ist, eine geschiedene Frau zu heiraten. Bei uns war eine Wiederheirat Geschiedener aber unter Auflagen erlaubt (und das fand ich auch gut so).

Also taugte die Bibel in ihrer reinen Form ja gar nicht als perfekte "Bedienungsanleitung" für das menschliche Leben; sie bedurfte vielmehr einer höchst eigenwilligen Interpretation: Man musste "geeignete" Bibelstellen hervorheben und "ungeeignete" beiseite lassen, um vernünftige Resultate zu erzielen. Also musste es wohl eine der Bibel übergeordnete, redigierende Instanz geben, die bestimmt, welche Bibelstellen man besonders wichtig nehmen muss und welche man lieber beiseite lässt. Manche verlassen sich da auf die Institution Kirche oder den Heiligen Geist, aber die letzte und beste Kontrollinstanz ist meines Erachtens ein kritischer menschlicher Verstand.

Ausschluss

Bald fand ich eine neue Frau, in die ich mich verliebte. Sie war Christin, aber nicht so radikal wie ich, eher pragmatisch gemäßigt. Ich war irritiert, als sie mir freimütig erzählte, wie sie manchmal schummelte und log. So etwas kam für mich als Christ überhaupt nicht in Frage. Aber dennoch musste ich aus eigener Erfahrung zugeben, dass ich mit meinem radikalen Christentum eine ziemliche Bauchlandung gemacht hatte; dass man dagegen wesentlich besser durchs Leben kommt, wenn man es mit seinen (christlichen) Grundsätzen nicht immer so hundertprozentig genau nimmt, sondern ab und zu auch mal Fünfe gerade sein lässt. Ich hatte sowieso keine große Lust mehr, mich für Gott krumm zu legen; er hatte mich schwer enttäuscht, da fand ich es recht und billig, dass ich es mit meinen Pflichten ihm gegenüber auch nicht mehr so genau nahm.

Meine Freundin und ich waren uns schnell sicher, dass wir gut zueinander passen und heiraten wollen. In der freien Gemeinde galt die berühmte Regel "Kein Sex vor der Ehe"; das wusste ich, aber ich hielt es nicht mehr für nötig, mich daran zu halten. Meines Erachtens entstand in unserem Fall durch unseren Verkehr miteinander gar kein Schaden und gar keine Gefahr, also gab es keinen vernünftigen Grund, darauf zu verzichten. Und auf den über tausend Seiten der Bibel gibt es ja auch keinen Vers, der besagt: "Du sollst nicht mit deiner Freundin schlafen." Diese Regel wird nur indirekt aus diversen Bibelstellen hergeleitet; das ist ein bekannter Schwachpunkt in der evangelikalen Theologie.

Ich fühlte mich aber (von Gott oder wem auch immer) arg gedrängt, einem Ältesten der freien Gemeinde mitzuteilen, was wir taten - nicht als Sündenbekenntnis, sondern nur, damit er Bescheid weiß. Daraufhin hatte ich lange Diskussionen mit den Ältesten und der Pastorin der Gemeinde; sie versuchten, mich zu überzeugen, dass Sex vor der Ehe auch in unserem Fall Sünde sei. Ich ließ mich jedoch nicht überzeugen. Da sie solche "Unzucht" und "Unreinigkeit" in ihrer Gemeinde nicht dulden mochten, wurde ich aus der Gemeinde ausgeschlossen. Die Pastorin dankte mir für meine jahrelange Mitarbeit und stellte mir frei, weiterhin als Gast zum Gottesdienst und zum Hauskreis zu kommen. Mir war es aber unangenehm, dort als "Abtrünniger" zu erscheinen; ich brauchte auch erstmal Abstand, und so zog mich von der freien Gemeinde völlig zurück.

Neuorientierung

Ich merkte, wie in meinem Innern immer mehr Teile des christlichen Glaubens wegbrachen. Mein Gehirn konfigurierte sich Schritt für Schritt um - Glaubenssätze, die mir vor kurzem noch als absolut wahr erschienen waren, erkannte ich nun als Unfug. Ich staunte darüber, wie schnell sich solche Ansichten wandeln können und fragte mich, wo diese Umgestaltung wohl zum Stillstand kommen würde: Würde ich am Ende ein gemäßigter Christ oder ein totaler Atheist sein? Reinen Atheismus finde ich nicht sehr verlockend, denn wenn ich atheistische Texte lese, erscheinen sie mir zwar sehr vernünftig und sachlich gut nachvollziehbar, aber ich vermisse darin jegliche Lebensfreude und menschliche Wärme. Darum strebe ich doch eher ein gemäßigtes Christentum an. Ich glaube zwar kaum noch an die christliche Lehre, aber aus alter Anhänglichkeit möchte ich diese Religion auch nicht völlig aufgeben.

Ich habe mich wieder der evangelisch-lutherischen Kirche angeschlossen. Dort gefällt es mir gut, denn dort lässt man mich in Ruhe; ich habe kaum Verpflichtungen, darf glauben, was ich will, darf alles anzweifeln und alles kritisieren, und die Kirchensteuer ist im Vergleich zu den freiwilligen Spenden, die man in Freikirchen und freien Gemeinden üblicherweise gibt geradezu lächerlich gering.

Evangelikale Christen behaupten, man müsse sich ganz oder gar nicht für Jesus entscheiden; dazwischen gäbe es nichts. Ich aber habe mich nun doch ganz bewusst "dazwischen" platziert: Ich bin nicht mehr richtig fromm, aber auch kein richtiger Atheist. Es geht also doch; es gibt einen "Mittelweg", und es gibt viele Menschen, die diesen "Mittelweg" gehen, auch wenn das Leuten in gewissen Kreisen nicht in den Kram passt.

Fazit

Rückblickend bewerte ich meine Zeit in der Baptistengemeinde und in der freien Gemeinde nicht ausschließlich negativ: Mir hat dieser strenge, teilweise weltfremde Glaube geholfen, mich vom Elternhaus zu lösen und meinen eigenen Weg zu finden (auch wenn es ein Umweg war). Ich habe interessante Dinge erlebt, war in Albanien und in Israel, wo ich anders vermutlich nie hingekommen wäre, und ich habe in der freien Gemeinde sehr viel Freundschaft und Hilfsbereitschaft erlebt. Schlecht war nur, dass ich dort in einer abgehobenen Traumwelt des Glaubens, in einer Illusion lebte, die mit der Realität schwer in Einklang zu bringen war. Es war viel Einbildung dabei, Wunschdenken, Traumtänzerei. Vierzehn Jahre lang habe ich sehr viel Geld, Zeit und Kraft in diese Illusion gesteckt. Ich würde nicht behaupten, dass es ganz umsonst war, denn manchmal war's ja doch recht lustig und schön, aber es war auch sehr anstrengend und sehr teuer. An entscheidenden Stellen meines Lebens hat sich dieser Glaube einfach nicht bewährt.

zurück