Aus der charismatischen Bewegung in der Evangelischen Kirche und im freikirchlichen Raum   Ich war 17, als ich eine Freundin auf die Aufschrift ihrer Jacke ansprach. "Jesus Power" war dort in großen Buchstaben zu lesen. Daraufhin erzählte sie mir von ihren neuen Erlebnissen und Erfahrungen mit dem christlichen Glauben. Ich wurde neugierig, da ich christlichen Glauben bisher nur mit alten Menschen, gähnend langweiligen Gottesdiensten und konservativen Moralvorstellungen gleichsetzte. Meine Freundin hatte ich hingegen bisher als kämpferische, sozialkritische und lebenslustige Person kennengelernt.

Ich unterhielt mich öfter mit ihr über das Thema Glaube und Religion. Ich stellte fest, daß auch ich ansatzweise religiöse Vorstellungen von der Welt hatte. Unsere Freundschaft wurde enger und intensiver. Bald lernte ich auch ihre Freundinnen und Freunde aus Frankfurt kennen, die bald zu meinem engsten Freundeskreis zählten. Ich war fasziniert von der Art und Weise, wie sie mit der Bibel und der christlichen Ideologie umgingen. Es war so unkompliziert und alltäglich. Ich hatte das Gefühl, trotz meiner Unwissenheit über Bibel und Theologie zu den Gesprächen etwas beitragen zu können. In der Kirche hatte ich dieses Gefühl nie gehabt, dort dachte ich immer: "Na, die müssen's ja wissen."

Auffällig und störend erschien mir zu Anfang jedoch die ständige Auseinandersetzung und Angst vor dem Teufel oder Satan. Bald jedoch lernte ich, was mit Heiliger Geist, Teufel und Dämonen gemeint war. Ich begann Erscheinungen, Erlebnisse und Gefühle mit den jeweilig passendsten Begriffen zu besetzen und erlebte sie so als wahr, real und für bewiesen. Im Nachhinein denke ich, daß dieser Mechanismus eigentlich die Basis für meinen Glauben darstellte: Schon vorher bekannte Dinge und Vorgänge bezeichnete ich mit neuen Begriffen, füllte sie inhaltlich neu und erlebte bald sie als solche, aber ich vergaß, daß sie willkürlich zugeordnet waren. Sobald ich mich an andere Lebensphilosophien oder Lebenspraktiken erinnerte oder darauf durch die Auseinandersetzung mit nicht-christlicher Literatur und Gesprächen mit Nicht-Christen aufmerksam wurde, besetzte ich das mit Zweifeln, die mir durch Teufel und Dämonen eingegeben worden wären.

So erlangte ich Ruhe, Sicherheit und Orientierung. Ich begann mich wohlzufühlen und erlebte viel Harmonie, Zuneigung und Frieden, was mir zuvor nie begegnet war.

Zusammen mit den Freundinnen und Freunden aus Frankfurt gründeten wir einen Hauskreis. Wir trafen uns mehr oder weniger regelmäßig, um unsere Philosophien anhand der Bibel zu überprüfen. Außerdem machten wir gemeinsam Musik und sangen dazu Lieder mit christlichen Texten. So waren diese Treffen sowohl rational als auch emotional gefüllt und ich wurde zunehmend ausgeglichener und fröhlicher. Es war eine schöne Zeit. Wir begannen gemeinsam zu beten, wobei die Gedanken, Bitten, Ängste etc. laut ausgesprochen wurden. So lernten wir uns sehr gut kennen. Dinge, die ich mich nicht getraute, im "normalen" Gespräch zu äußern, lernte ich mit Gewißheit zu Gott zu sprechen zu formulieren und auszusprechen. Das war zunächst sehr befreiend.

Nach und nach bekamen wir engeren Kontakt zu anderen aktiven Christen. Wir gingen häufiger zu den Lobpreisgottesdiensten, die in einer evangelischen Landeskirche in Frankfurt stattfanden. Diese Gottesdienste hatten für mich daher auch keineswegs den Beigeschmack einer sektiererischen Versammlung. Sie dauerten an die vier Stunden und hatten eher den Charakter eines Festivals. Alte Menschen, Punks, Kinder, schreiende Babies, biedere Normalbürger, SchülerInnen, StudentInnen - alles war dort vertreten. Der Gottesdienst bestand aus zwei Teilen: einmal aus dem emotionalen - also gemeinsames Singen, Tanzen, Lachen, Musikmachen, Beten und Sprachenbeten - und zum anderen dem geistigen Teil der Predigt, aus Glaubensbekenntnissen und persönlichen Erzählungen. Diese Ganzheitlichkeit von Gefühl und Geist bewirkte bei mir ähnlich wie bei unserem Hauskreis eine Ruhe und Ausgeglichenheit (die ich begrifflich mit der Anwesenheit des Heiligen Geistes besetzte), nur viel intensiver. Heute denke ich, daß diese Ruhe und Ausgeglichenheit auch Müdigkeit und Erschöpfung nach vier Stunden intensiven Fühlens und Denkens war.

Ich begann mich nun intensiver mit der Bibel zu beschäftigen, nahm mir ein- bis zweimal am Tag Zeit, um etwa für eine halbe bis ganze Stunde zu beten, in der Bibel zu lesen und zu singen. Diese Stille Zeit bewirkte, daß ich einen Rhythmus in meinen Alltag bekam, der außerdem mit Familie, Schule und nicht-christlichen FreundInnen gefüllt war. Schließlich entwickelte sich meine christliche Lebenswelt zu meiner einzigen Lebenswelt. Ich war soweit, jede Sekunde, jedes Ereignis, jedes Gespräch - einfach alles schien für mich durch Jesus oder dem Teufel erklärbar und beeinflußt.

Ich spürte nun den enormen Druck, nicht nur meine Gegenwart und Zukunft dieser Ideologie zu widmen, sondern auch meine Vergangenheit. Es mußte zur "Lebensübergabe" kommen. Das bedeutete für mich damals, alle meine Sünden, bzw. was ich unter Sünden verstand, vor einer anderen, "erweckten" Person zu beichten und für immer davon Abstand zu nehmen.

Erklärt wurde mir diese "Notwendigkeit" durch das Argument, der Teufel habe ein Anrecht auf die Teile in mir, die sündig waren, und sonst würde ich nie ganz zu Jesus gehören (und auch nicht zu ihrer Gemeinschaft!). Aber das wollte ich, und so traf ich mich mit einer Frau die mir für diese Zwecke empfohlen wurde, und die später meine "Seelsorgerin" werden sollte. Ich beichtete also in einem stundenlangen Gebet alle Dinge, von denen ich und sie glaubten, daß sie nicht zu dem Bild eines neuen und erweckten Christen paßten. Abschließend legte sie mir ihre Hand auf den Kopf, so sollte der Heilige Geist in mich dringen. Schließlich zerrissen wir das Blatt Papier, auf das ich meine Selbstbezichtigungen geschrieben hatte. Damit sollte dies meiner "alten Natur" angehören und von Gott vergeben sein. Ich bezweifelte dies just in diesem Augenblick, verstand diese Zweifel jedoch als einen Angriff des Teufels, der mich jetzt, so machte sie mir glaubhaft, noch intensiver versuchen würde. Durch diese Wiedergeburt war ich nun nicht mehr nur noch Christ, sondern Charismat.

Ab diesem Zeitpunkt fing für mich das charismatische Leben an, eine Strapatze zu werden. Ich fühlte mich wie ein Schlachtfeld, auf dem Teufel und Dämonen gegen Jesus und den Heiligen Geist antraten, wobei es weniger um mich, als um den Kampf und Sieg überhaupt ging. Wichtig fühlte ich mich nur in meiner Aufgabe als Missionarin, denn es gab ja noch Menschen, die nichts von ihrer eigentlichen Lebensaufgabe, nämlich den Sieg Jesu über den Teufel zu verkörpern, wußten.

Für mich wurde es allerdings immer schwieriger, die Siegreiche und Fröhliche darzustellen.

Mein Leben war bestimmt durch Angriffe des Teufels und die "Berührungen" durch den Heiligen Geist. Ich suchte nicht mehr nach Ursachen meines Fehlverhaltens, sondern gab sie in meinen immer häufiger notwendig werdenden Gebeten an Gott ab. Das lautete etwa so: "Herr, Jesus Christus, Sieger über den Teufel und seinen Helfern, hiermit übergebe ich dir meine Zweifel, meine Lust auf Sexualität etc..., ich danke dir, Herr, für deinen Sieg, Hallelujah!"

Ich verdrängte also und mit der Zeit wurde es immer mehr und bedrohlicher, was ich zu verdrängen hatte. Meine Seelsorgerin erklärte mir diese Häufigkeit und Wucht der teuflischen Angriffe damit, daß Gott wohl etwas Besonderes mit mir vorhabe, der Teufel davon wisse und daher alle Anstrengungen unternahm, mich vom" rechten Weg" abzubringen. Ich glaubte diese Erklärung, ich hatte dieses Gottes- und Teufelsbild internalisiert.

Es drängte sich jedoch immer intensiver die Diskrepanz zwischen Fühlen und Denken auf. Dadurch, daß ich nicht mehr fröhlich und schon gar nicht ausgeglichen war, kam ich mit der Aufteilung Gut und Böse, Gott und Satan nicht mehr zurecht. Ich entdeckte immer mehr Grauzonen, die ich nicht zuordnen konnte und mich in meinem Handeln lähmten, da ich ständig Angst hatte, dem Teufel zu dienen. Ich wurde unspontan, schwerfällig und häufig krank. Auch von Außen, also Eltern, FreundInnen und Schulkameraden bekam ich immer wieder zu hören, ich wirke im Gegensatz zu meinen ständigen Beteuerungen keineswegs glücklich.

Das war schlimm, denn gerade diese Menschen wollte ich ja missionieren, eben auch unter dem Aspekt, mit Jesus sei man so fröhlich und es ginge einem so gut. Ich kam mir immer mehr als Versagerin vor, da ich dachte, es läge nur an mir, an meinem fehlenden Glauben. Alles, was ich bei der Lebensübergabe abgegeben hatte, war in keinster Weise damit weg gewesen und immer wieder bedrängten mich Schuldgefühle, alles falsch gemacht zu haben. Das ständige Bibellesen-Müssen nahm mir völlig die Freiheit, in der Bibel lesen zu wollen. Und so wurde alles, was am Anfang so interessant gewesen war, zu einem entsetzlichen Zwang.

Mir ging es in dieser Zeit psychisch und körperlich zusehends schlechter, und schließlich konnte ich diese Signale nicht mehr als Teufelswerk verdammen und übergehen. Es mußte verarbeitet werden. Aber dazu brauchte ich Distanz und Ruhe.

Zu dieser Zeit trennten wir uns gerade von unserem Hauskreisleiter, der uns von anderen Charismatikern dringend angeraten worden war, um eine geistige Führung zu haben. Mit bzw. von ihm sollten wir Gehorsam und die Fähigkeit, Autoritäten anzuerkennen, lernen. Unsere Gruppe galt immer als rebellisch und eigensinnig. Heute kann ich sagen, daß wir Glück hatten, an so einen schlechten "Pädagogen" geraten zu sein, es erleichterte uns später den Ausstieg. Er verstand weder unsere Gedanken, noch konnte er etwas mit unseren Problemen anfangen. Wir akzeptierten ihn nur als Leiter, da er als charismatisch erfahren galt. Charismatisch erfahren war er tatsächlich, was den Umgang mit Menschen anging, beschränkte er sich jedoch lediglich auf angelesene und aufgesetzte charismatische Verhaltensregeln. Eigentlich nahmen wir ihn nie ganz ernst. Ich empfand ihn als unbeholfen und verklemmt, zeitweise fand ich ihn auch einfach nur niedlich. Er versuchte, dieses Nicht-Ernst-genommen-werden mit seiner angeblichen Gabe der Prophetie und Geisterunterscheidung zu kompensieren. Daß diese Prophetie und Geisterunterscheidung jedoch eher eine Zusammensetzung von aufgeschnappten Halbwahrheiten und seiner Phantasie war, ließ uns an einem Beispiel an unserer Gutgläubigkeit ihm gegenüber zweifeln.

Damals ging es darum, mit ihm zusammen eine charismatische Gemeinde in Lüdenscheid für ein Wochenende zu besuchen. Ein paar Tage vor der Abfahrt erhielt B., ein Mitglied unseres Kreises, einem Brief von unserem Leiter mit dem Verbot, an dem Wochenende teilzunehmen. Begründet hatte er dieses Verbot mit dem Argument, der Heilige Geist habe ihm gesagt, daß B. noch zu sehr an den Drogen hänge und damit die Gemeinde in Lüdenscheid belaste. Das dies an sich schon eine Anmaßung und Unverschämtheit ist, möchte ich hier nicht weiter ausführen, betonen möchte ich jedoch, daß K., ebenfalls ein Mitglied unseres Kreises, während dieses Wochenendes mehrmals Drogen eingenommen hatte. Davon hatte der Hl. Geist jedoch unserem "Propheten" nichts verlauten lassen. Ob das wohl daran lag, daß B. häufiger im Gebet seine Probleme mit Drogen ansprach, K. jedoch seinen Drogenkonsum nicht zu den Dingen zählte, die er für erwähnenswert hielt?

Schließlich bezichtigte uns der Leiter des Ungehorsams. Zu diesem Zeitpunkt machte er entscheidende Fehler. Dadurch, daß er uns als Gruppe angriff, entstand unter uns eine Art Solidarität, außerdem hatte er unsere charismatische Überzeugung überschätzt. Mit Äußerungen wie: "Ihr macht euch zum Spielball des Teufels!" bewirkte er eher Wut und Distanz als den geforderten Gehorsam.

Diese Streitigkeiten lösten bei mir jedoch Aggressionen aus, die mir erstmalig Platz für Kritik schufen. Diese Kritik bezog sich vorerst nur persönlich auf diesen einen Leiter.

Zu der Zeit hatte ich sehr starke Schuldgefühle. Dadurch, daß ich die gesamten Denkstrukturen der charismatischen Bewegung verinnerlicht hatte, und zu einem Teil meiner Selbst gemacht hatte, fielen jegliche Zweifel auf mich zurück. Das heißt, daß eben jede Auseinandersetzung in mir stattfand und es für mich keine Möglichkeit gab, sie auszutragen. Aus Aggressionen wurden Depressionen, also Aggressionen gegen mich selbst. In dieser Zeit war ich dermaßen verwirrt, so hin- und hergerissen, daß mir der Alltag als Charismatin unmöglich wurde, was zu weiteren Schuldgefühlen führte. Und so ging das ständig hin und her. Schließlich war ich gezwungen, mit alledem Schluß zu machen, das heißt, ich nahm mir vor, eine Pause zu machen. Ich betrachtete die ganze Sache ein wenig von außen und ich konnte langsam sortieren, was ich, und was charismatisch war. Dadurch hatte ich endlich die Möglichkeit die Auseinandersetzung aus mir herauszuholen und konnte dadurch die Aggression von mir wegleiten.

In dieser Zeit konnte ich nicht mehr in der Bibel lesen, da ich immer noch die vorgegebenen Interpretationen in meinem Kopf hatte. Es entstanden Gefühle wie: "Die haben mir meinen Glauben genommen". Trotzdem hatte ich immer wieder Schuldgefühle und Angst, dem Teufel zu dienen.

Ich bewältigte diese Gefühle zunehmend besser. Entscheidend war dabei wohl auch, daß fünf aus unserem Kreis gleichzeitig austraten und wir uns so unterstützen konnten.

Als sich unsere Aggressionen schließlich langsam etwas lösten, beschloßen wir, eine Gruppe zu gründen, in der wir durch Rollenspiele, Gespräche und andere Methoden der Verarbeitung unsere Erlebnisse formulierten und bewußt machten. So unterstützten wir uns gegenseitig in unserer Kritik und konnten unsere Schuldgefühle abbauen. Wir begannen uns auch wissenschaftlich mit der Theologie, Ideologie und den Hintergründen der charismatischen Bewegung auseinanderzusetzen.

Schließlich beschlossen wir unsere Arbeit öffentlich zu machen, um vermeintlichen Ein- und Aussteigern über die Gefahren und Mechanismen der charismatische Bewegung aufzuklären und Aussteigern bei ihrem Ausstieg zu helfen, denn oft schafft man den Absprung nicht, die Schuldgefühle überwiegen über den Zweifeln. Bei mir hat dieser Prozeß immerhin fast zwei Jahre gedauert.

Auch heute spüre ich noch die Auswirkungen meiner charismatischen Erlebnisse. Es fällt mir heute noch, vier Jahre nach meinem Austritt aus der charismatische Bewegung, schwer, mich auf Ideen, Theorien oder intensive Gefühle einzulassen. Was vor meiner Zeit als Charismatin Skepsis und Aufmerksamkeit war, ist heute eher Mißtrauen und Angst. Ich habe in mir eine Mauer aufgebaut, die mich vor Unmündigkeit, äußeren Manipulationen und Verletzungen schützen soll. Um diese Verwirrungen und Verletzungen ertragen zu können, war dies notwendig geworden, um so zumindest zukünftige Erfahrungen dieser Art auszuschließen.

Ich lernte, daß die Mechanismen der charismatische Bewegung in allen möglichen Bereichen auftreten, ob das Wissenschaften wie Psychologie, Pädagogik oder Jura oder andere Philosophien waren - überall, wo bestimmte Werte oder Theorien festgelegt sind, sind diese Phänomene mehr oder weniger beobachtbar. So kann ich die Äußerung, die ich häufig hörte: "Sekte - das könnte mir nie passieren", nur verneinen. Ich behaupte, daß jeder und jede sektentypische Erfahrungen macht. Inwieweit sie oder er sie so erlebt, wie ich es tat, kann auch von äußeren Zufällen abhängen. Diese Erkenntnisse machten mich sehr vorsichtig, ängstlich, aber auch sehr einsam. Und so bedarf es für mich sehr viel Mutes, meine Mauer abzubauen oder zumindest etwas durchsichtiger zu machen. Ich hoffe sehr, nicht eines Schlechteren belehrt zu werden.

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